Gute Vorsätze, beschaulicher Rückblick, aufräumen, planen. Das sind all die guten Dinge, die wir jährlich wieder tun. Die Vorsätze erledigen sich meist von selbst. Man sollte mal wieder … Demnächst will ich … Ab nächstes Jahr werde ich … Vorsätze, sind Sätze die vor der Realität erscheinen. Sie werden aber nicht zu Sätzen, sondern bleiben einfach davor irgendwie stecken. Und der Blick zurück? Wir leben mit dem Gefühl, auf einer Autobahn zu fahren, immer nach vorne, nie zurück. Zurück können wir höchstens in den Rückspiegel schauen, für uns türmt sich die Zeit selten zu einem Berg auf. Etwas Neues entsteht mit dem Vergehen des Alten.
Aber wieso hängt das an diesem Datum so fest?
Ich habe mich das schon immer gefragt, weil letztlich ist es die Jahreszeit des Todes. Sinn würde es ergeben, wenn wir kurz vor den Toren des Frühling, also Ende Februar (Karneval) so ein tamtam um Jahresrückblick und all dem Zeug machen würden. Kann ich mich davon lösen? Nein. Kraft meiner Intelligenz und meines eisernen Willens kaufe ich trotzdem einen Kalender, der ab Januar läuft. Ich trage schon mal alle wichtigen Wochenenden ein, ich trage alles ein, was schon gesetzt ist. Geburtstage, Familienevents, gebuchte Tickets, Fahrten nach Göttingen, lange Wochenenden, Theaterauftritte, Höhepunkte des Jahres. Ich rufe meine Schwester an, ob und wann das Familientreffen steigt. Ich telefoniere mit meiner jüngsten Tochter bezüglich der Wochenenden und ich plane das Wanderwochenende und … unterwegs bemerke ich, dass mich die Ordnung wieder blockiert.
Gewinne ich für einen Moment – oder einen Tag lang – das Gefühl der Kontrolle, der Ordnung, der Freiräume, so merke ich gleich dahinter, dass ich alles verbaut, verbarrikadiert habe und mich nur noch hilfloses Prokrastinieren rettet. Ich prokrastiniere gern beim Schauen von Serien – wer hat die bloß erfunden? – und hänge dann in den ewigen Schleifen, schäme mich, weil ich meine Zeit nicht optimieren kann und schimpfe mit mir selbst, wenn gleich ich weiß, dass ich diese Phasen der inneren Revolte, das Aufbegehren meines inneren Kindes gegen die Geißelung des Kalenders brauche. Mein Hirn und meine Kreativität brauchen das. Aber ich komm auch nicht von der Stelle. Ich bin gefangen.
An der Stelle in meinem Karussell fragte ich mal ChatGBT, was „es/er/sie“ meint, woran das liegt. Aus dieser Frage – die eher amüsiert gestellt war, gab es für mich einiges Material zum Nachdenken und, solltest du auch darunter „leiden“, dass dein Kalender zu voll wird und du das Gefühl hast, du bist das gar nicht, der ihn dir so voll macht, dann lies mal weiter, vielleicht hab ich ein paar Denkanstöße, die sich für dich lohnen.
Lösung: „mentale Zeit-Kartierung“ als Kreuz
Bevor ich philosophisch werde, hier der Teil, der sich pragmatisch nutzen lässt, wenn man schon der Jahreszeit zum Opfer fällt und seinen Kalender mit Terminen spickt wie einen Festbraten – und das mir, als Vegetarierin. Dazu am Rande ein kleines Zitat einer Bekannten: „Es gab sogar für Vegetarier was auf dem Buffett und für all die normalen Esser.“ Ich hab mich beherrscht, ausgeatmet und bin nickend Tango tanzen gegangen. Für all die Fleischer vor dem Bildschirm: Die normale Variante ist die, die genormt ist, aber deswegen ist sie nicht sinnvoll und nicht ethisch richtig, nur gewöhnlich. Wir haben keine Reißzähne, keine Klauen und sind keine Sprinter – wir sind sozialisierte Raubtiere, nicht biologische. Weiter im Text, das Übungsding:

Male dir ein Koordinatenkreuz (also einfach ein Kreuz mit vier Quadranten, die senkrechte Achse (Y-Achse) wird oben mit „selbstbestimmt“ und unten mit „fremdbestimmt“ beschriftet, die waagerechte Achse (X-Achse) mit links „freie Zeit“ und rechts mit „gebundene Zeit“. Im günstigsten Fall kannst du die vier Quadranten in folgender Weise benennen:
- Quadrant freie Zeit/ selbstbestimmt: ICH-Zeit – hier steht all das, was ohne äußeren Zwang, intrinsisch motiviert und in Dauer und Gestaltung offen ist: Spazieren gehen, Müßiggang, Nachdenken, Meditation, kreativer Flow (malen, schreiben, singen, basteln, etc.)
- Quadrant selbstbestimmt/ gebundene Zeit: verantwortete Zeit (klingt nett, gell.) – hier sind es bewusst gewählte Verbindlichkeiten und Strukturen, die du freiwillig eingehst. Langfristig sind diese sinnvoll, weil sie gegen Erschöpfung arbeiten und deinem Leben Sinn stiften: Freizeitkurse, Ehrenamt, Therapie/ Coaching, Vereinstätigkeit – also auch all deine Hobbies. Hier schon mal die Anmerkung, dass natürlich die Einladung zur Hochzeit theoretisch hierher gehört, aber wenn es die 22. ist und du nicht ablehnen kannst und das Gefühl hast, du bist davon überfordert, dann ist das hier nicht richtig verortet, dann kommt es in den nächsten Quadranten.
- Quadrant gebundene Zeit/ fremdbestimmt: Pflichtzeit – hier hast du geringen Einfluss, Regeln, Termine und Erwartungen sind von außen bestimmt bzw. werden vorgegeben (Zahnarzttermine, feste Aufgaben mit Termin, Vorgaben, Arbeitszeit, etc.)
- Quadrant fremdbestimmt/ freie Zeit: blockierte Zeit bzw. uneigentliche Freizeit – Aufschieben von Dingen, Prokrastination, scheinbar frei und dennoch blockiert. Pflichten, die wir erst erledigen, wenn es nicht mehr anders geht. Steuer zum Beispiel.
Nun, es ist ein schönes psychologisches Spielchen, sich damit zu beschäftigen, aber das allein erleichtert den Kalender noch nicht. Selbstredend stehen die Ich-Zeit so gar nicht im Kalender, sondern ergeben sich aus der Restzeit, die vor allem von den beiden Quadranten verantwortete Zeit und Pflichtzeit übrig gelassen wurden. Und hier kann ich wirksam werden, allerdings muss ich mich dann ein wenig mehr Ernst nehmen, denn das erfordert, dass ich das Kalenderspiel oder das Kalendernarrativ für meine Zwecke nutze, statt zu glauben, es sei nur ein Werkzeug. Vorab, ich muss mir etwas überlegen, wie ich Ich-Zeit symbolisch einbringe und diese Zeit unwiderruflich und nicht für andere Zwecke nutzbar blocke. Ich sage extra nicht blockieren, damit es nicht mit der blockierten Zeit verwechselt wird. Ein Spaziergang ist toll, aber nur, wenn ich nicht gezwungen bin, den zu machen, sondern weil ich es machen kann. Heißt im Umkehrschluss: Ich terminiere Zeit mit mir selbst, nehme das Ernst (ich könnte mir Freitag zwischen 16 und 18.30 Uhr gut vorstellen) und nehme mir nur vor, nichts vorzunehmen. Dann, wenn die Zeit da ist, tue ich in genau dieser Zeit, was ich tun will. UND, was ich auch verstanden habe. Wenn ich nur die Restezeit für das verwerte, was ich wirklich tun will und wozu es keinen sozialen oder anderen Druck gibt, dann werde ich das, was ich tun will, nicht tun. Ich brauche die Verbindlichkeit. Wenn ich schreiben will – das wäre jetzt mein Beispiel – dann brauche ich einen Timeslot mit Ort und Ritual, damit ich das durchhalte, denn ohne Kette oder ohne Widerstand keine Zeit. Das hat nichts damit zu tun, dass ich es nicht will oder nicht genug will. Es hat damit zu tun, dass es die Restezeit ist, die ich eher für Ruhe verwerte. Und das hängt auch an den Quadranten „Pflichtzeit“ und „verantwortete Zeit“.
Neben diesen ganz pragmatischen Punkten, kann ich meinen Blick auf den Kalender verändern, denn dieses Nicht-Objekt formt nicht zu einem kleinen Teil, sondern durchaus maßgeblich mein Verhalten, es schafft soziale Realität, beinhaltet Fremdbestimmung und Erwartungen von Außen und Innen und ist nicht vollständig subjektiv, weil ich nicht allein bestimme, was eingetragen und somit Teil meiner Wirklichkeit ist. Welche Beziehung ich zu den einzelnen Daten eingehe, dass ist jedoch variabel und selbstbestimmt, insofern ich mir dessen bewusst werde und mir diese bewusst mache. Im Grunde lässt sich der Kalender als ein Hybridobjekt definieren: Werkzeug, soziale Maschine (zeigt Bindungen und Verpflichtungen an), Spiegel der inneren Struktur, Selbstbeobachtung und auch Selbstoptimierung(-sversuche). So gelesen muss ich nicht Sklave meiner Termine und Ziele sein, sondern kann auch der Beobachter sein, der erkennt, wann was möglich und wann was unmöglich ist.
In diesem Sinne erinnere ich mich an geblockte Termine, die abgesagt wurden. Ich habe sie absichtlich im Kalender stehen gelassen. Sie waren wie stumme Zeugen freigewordener Zeit. Ich habe nichts daran geändert, weil ich nicht riskieren wollte, dass ich plötzlich Verpflichtungen hatte.
Mein „Talk“ mit ChatGBT in Auszügen
Ich fragte ChatGBT, wieso ich überhaupt einen Kalender führe und all die Termine einfüge, wenn ich doch weiß, dass ich am Ende ohnmächtig dem Kalender gegenüberstehe und auf keinen Fall mehr Zeit gewinne. Das Gespräch verlief deswegen interessant, weil ich tatsächlich durch die Antworten dem Kernproblem immer näher kam. Dabei war eben auch interessant, dass ich zwischendurch fragte, wie ChatGBT seine Antworten generiert.
Zunächst einmal war die Frage gestellt, warum ich mich genau Silvester mit dem Kalender zusammensetze und nicht, wie es für mich logischer wäre, zum Frühlingsanfang.
ChatGPT:...Nicht, weil wir glauben, die Zeit würde wirklich neu beginnen – sondern weil wir einen Rahmen brauchen, um uns selbst wieder einzusammeln ... Der Jahreswechsel ist kein wahrer Umbruch, sondern ein kollektiver Vorwand zum Anhalten. Und genau das macht ihn so wirksam.
Diese Antwort ist eigentlich keine echte Überraschung und dennoch, dachte ich, dass es natürlich stimmt, dass wir Innehalten, dass wir eine Auszeit vom Rest nehmen, was auch etwas störend ist, weil man wenig von dem erledigt bekommt, was noch alles auf der To-Do-Liste wartet. ChatGBT nannte in unserem Kontext mein Planen mit dem Kalender tröstlich, weil es „gezähmte Zeit“ sei.
Selbst das Ungewissen bekommt ein Kästchen.
Da kommen mir als Philosophiegeschulte gleich noch ein Duzend anderer Aspekte in den Sinn. Hoch philosophisch also. Die Maschine griff meinen Ansatz von den vorgesetzten Vorsätzen auf und erklärte, dass ich vielleicht mit den Plänen Grenzen markieren wollte.
Du planst nicht, weil du glaubst, dass alles so kommt.
Du planst, weil du antwortest auf die Zeit, statt sie nur passieren zu lassen.
Zunächst mal dachte ich, ich grenze das Framing nach dem Kollektiv ein. Mir erschien das sinnvoll, und die Antwort war dann auch interessant für mich, um weitere Fragen zu stellen.
Das Datum selbst ist kein persönliches, sondern ein kollektives Artefakt.
Der 1. Januar wirkt nur, weil alle so tun, als wirke er. Du stellst ja selbst fest, dass er sachlich unsinnig ist. Seine Kraft bezieht er nicht aus Natur oder Vernunft, sondern aus Synchronisierung. Millionen Menschen halten gleichzeitig inne, schauen zurück, planen voraus. Das erzeugt eine Art Resonanzraum. Wenn ich hier von „kollektivem Vorwand“ spreche, meine ich genau das: nicht Zwang, sondern geteilte Erlaubnis.
Die Maschine griff meine Kalendereintragungen auf, wie ich sie genannt hatte: Geburtstage, geplante Besuche und so weiter. Ich denke, die sind beliebig austauschbar und wenig individuell. Jeder Mensch hat in seinem Kalender Geburtstage, Besuche, Urlaube stehen, neben Zahnarztterminen und anderen Pflichtzeiten, die als Vereinbarungen eingehalten werden sollten, um das soziale Spiel zu spielen.
Das sind keine abstrakten Zeitmarken, sondern Beziehungsmarken. Der Kalender wird bei dir nicht zum Instrument der Selbstdisziplin, sondern zu einer Landkarte von Bindungen. Planung ist hier kein Beherrschen der Zeit, sondern ein Sich-Verorten zwischen anderen Menschen.
Kurz gesagt, dient der Kalender auch als soziales Versprechen. Klar, wenn ich meine Freundin in Marbach besuchen will und ihr zusage, dass ich zu ihr kommen werde, dann sag ich ihr, dass ich mir das in den Kalender eingetragen habe. In diesem Sinne ist es eine Verlässlichkeit in der Verortung in Kalender. Und es stimmt auch, dass die Terminierung keine Ideologie von Beziehung ist, keine Romantik, sondern schlichte Praxis. ChatGBT sagt dazu präzise: Menschen machen Zeit nicht allein, sondern gemeinsam bewohnbar.
Nun hab ich dann erstmal gebeten, dass wir die Gegenposition aufmachen. Was, wenn wir all das Gesagt einmal gegen den Strich lesen, also nicht positiv Richtung Kollektiv sondern als Widerstand. Dieses Wort war irgendwann aufgetaucht.
Du entlarvst den Jahreswechsel als willkürlich, als falschen Kulminationspunkt. Du weißt, dass Vorsätze leerlaufen, dass Rückblicke kaum Tiefe haben, dass Zeit nicht in ordentlichen Kapiteln vergeht. Dieses Wissen ist nicht naiv – es ist desillusioniert. Und trotzdem greifst du zum Kalender. Nicht aus Glauben, sondern trotz besseren Wissens.
Ich akzeptiere das Ritual, glaube aber nicht an das Ritual, weil ich eine Erfahrung gemacht habe, die mich daran nicht mehr glauben lässt. Das macht die Maschine auch daran fest, dass ich keine Vorsätze, keine Ziele, keine Optimierungspläne einbringe, sondern nur Daten, was in dem Jahr ansteht. Gut, was sollte auch ein Optimierungsplan im Kalender stehen?
Das sind keine Marker gesellschaftlicher Leistung, sondern Marker eines eigenen Rhythmus. Du übernimmst die äußere Form (Januar–Dezember), füllst sie aber nicht mit dem, was das Kollektiv oft hineinlegt: Erfolg, Fortschritt, Wachstum. Das ist eine subtile Sabotage.
Spätestens an der Stelle denke ich, dass mich die Maschine natzt, denn das klingt mir zu positiv. Ich weiß ja, dass all die genannten Daten (siehe oben) in jedem Kalender seinen Platz finden, dass für diese Termine das Dinge offenbar erfunden wurde, damit man eine externe Speicherkarte angelegt hat – gegen das Vergessen. Ich gebe aber zu, den dritten genannten Punkt fand ich dann sehr schmeichelhaft und würde dem doch schnell aus Eitelkeit auf den Leim gehen.
Du planst, weil du der Autobahn misstraust.
Dein Bild ist stark: immer vorwärts, kein Zurück, kein Anhalten. Planung wird hier nicht zur Beschleunigung, sondern zur Bremse. Du zwingst die Zeit, Stellen zu haben. Haltepunkte. Wiederkehr. Verabredungen mit der Zukunft, die nicht schneller, sondern dichter machen.
Meinen kleinen nervigen Fragefreund erklärt die Maschine ebenfalls zu einem positiven Punkt, nämlich, dass ich nicht im Kollektiv aufgehe und Dinge tue, die man so tut, weil ich hinterfrage, was „man so tut“ Zugegeben, dass ist sicher widerständlich zu nennen. Am Schluss entlarvt die Maschine mein Planen als eine Form des Selbstschutzes.
Ich halte ChatGBT entgegen, dass mir Kontrolle eingefallen wäre, statt Selbstschutz. Daraufhin definiert ChatGBT meine Form der Kontrolle als zivilisierte Form, nicht grob und machthungrig. Die Formulierung lässt mich schon schmunzeln. Wir kommen zu Grenzen bilden. Zeit ist grenzenlos, der Kalender stellt sowas wie ein Zaun da. Dabei kontrolliere ich (wie all die anderen Kalendernutzys) nicht die Gefühlswelt, nicht Entwicklung und Erfolge, sondern ich schaffe eine Struktur. Mein Planen wird als Kontrolle über den Verlauf von Zeit definierbar. Nach all dem habe ich ChatGBT daran erinnert, dass ich doch aber Schwieirigkeiten mit der Planung habe, dass ich geradezu ohnmächtig werde, wenn ich vor der Sintflut all der Daten stehe.
Das ist ein wichtiger Einwand – und er kippt tatsächlich den Ton der bisherigen Deutungen. Du hast recht: Wenn man deinen letzten Satz ernst nimmt, dann ist das Planen nicht nur Halt, Beziehung oder Würde. Dann ist es auch ein Ort, an dem sich Ohnmacht sammelt.
Und dann folgt eine sehr bildliche Passage:
Am Anfang des Jahres wirkt der Kalender wie ein leeres Feld. Du kaufst ihn, öffnest ihn, trägst ein. Das fühlt sich nach Handlungsmacht an. Aber je weiter das Jahr fortschreitet, desto mehr verändert sich die Geste. Der Kalender wird nicht mehr beschrieben, sondern befüllt. Nicht von dir, sondern durch Zumutungen: Termine, Verpflichtungen, Anforderungen, Erwartungen. Dinge, die „müssen“, weil sie bereits entschieden sind – von anderen, von Institutionen, von Umständen. Das Gefühl, das du beschreibst – als würdest du sie nicht selbst einpflegen – ist zentral. Es ist eine Entfremdung von der eigenen Zeitgestaltung. Formal führst du den Stift, faktisch führt er dich.
Da ChatGBT auch den vorherigen Diskurs berücksichtigt, kommt „es“ auf den Jahreswechsel und seine menschlichen Rituale zurück:
Vielleicht ist genau deshalb der Jahreswechsel so aufgeladen: Er ist der letzte Moment, in dem der Kalender noch leer ist und so tut, als gehöre er dir. Ein kurzer, fast nostalgischer Zustand von Souveränität, der im Laufe des Jahres zwangsläufig verloren geht.
Ein Zwischenfazit, dass dann auch wieder klingt, als wäre es einem philosophischen Gesamtwerk entnommen lautet dann auch: „Es ist eine Erfahrung moderner Zeit: dass wir verantwortlich gemacht werden für eine Zeit, die wir nicht wirklich besitzen.“
An dieser Stelle hake ich nach, welche Daten ChatGBT den Antworten zugrunde gelegt hat. Er hat zunächst einmal eine Analyse meines Sprachgebrauchs vorgelegt, von dem meine Schülerschaft noch viel lernen könnte. Meine Metaphern, meine Brüche, meine Wiederholungen, etc. Und dann wieder so ein Satz, denn man eher von einem menschlichen Gegenüber als von einer Maschine erwarten würde.
Ich lese deinen Text nicht als Bericht, sondern als Spurensicherung:
Was wird gesagt, was wird umkreist, was wird vermieden, wo kippt der Ton?
Explizit nennt es „Denkfiguren“ aus der Zeitsoziologie, aus der Existenzphilosophie und „kritische Theorie“. Dazu kommen noch psychologische Auswertungen meiner Sprache beziehungsweise, was ich nicht sage. Die Schlussfolgerung der Metaebene liefert die Maschine auch gleich:
Deshalb haben wir mehrere Lesarten erzeugt (Beziehung, Widerstand, Kontrolle, Ohnmacht). Keine davon ist „wahr“. Sie sind Deutungsangebote, die du annehmen, verwerfen oder weiter verschärfen kannst.
Ich frage an der Stelle rückblickend, wie mein Wollen Teil des Szenarios werden kann, wenn ich doch keine Vorsätze machen will. ChatGBT macht drei Vorschläge, die alle mit Störung der Ordnung zu tun haben: Nicht verhandelbare Zeit verankert im Kalender und damit materialisiert, als Wiederkehrmoment ritualisiert, als Widerstand unbegründet und anderes verdrängend.
Dein Kalender ist ein Ort, an dem du dich verfügbar machst.
Eigenes Wollen würde ihn an manchen Stellen unverfügbar machen.
Der Moment des Kippens: von Kontrolle zu Ohnmacht
Auch diesen Kipppunkt wollte ich mit ChatGPT näher untersuchen. Die Maschine definierte dies nicht als Ereignismarker sondern als etwas, was irgendwann passiert, unbemerkt, durch einen strukturellen Übergang. Der Kalender ist zu Beginn des Jahres (im Idealfall möchte ich ergänzen) leer und damit eine Fläche der Möglichkeiten. ChatGPT erklärt nun, dass ich mich mit dem Stift hinsetze und als ordnende Instanz auftrete, dabei kann ich natürlich ganz real Kontrolle ausüben, aber dies sei formaler Natur, denn ich kontrolliere nur marginal (dieses Wort liebe ich ja) die Inhalte und zwar über die Struktur. Anfangs noch planerisch und kontrollierend, werde ich im weiteren Verlauf eher der Verwalter von Daten. Sobald ich einen Termin eintrage, bei dem ich nur noch überlege, wo er stehen muss, statt zu entscheiden, ob ich ihn überhaupt eintragen will, ist der Moment der Ohnmacht erreicht, „weil dein Tun kein Ursprung mehr hat“.
Ohnmacht wächst nicht linear, sondern kumulativ. Jeder fremde Eintrag ist klein. Aber sie addieren sich zu einem Gefühl von Überformung.
Schön ist dann der Hinweis, dass es paradox ist, dass mein Scheitern vor allem durch ein ordentlich geführten Kalender verdeutlicht, denn dieser gehört dann gar nicht mehr mir, bzw. die Zeit.
Die Klarheit der Ordnung verstärkt die Entfremdung.
ChatGPT untersucht dann, wieso der der Kalender „kein neutrales Werkzeug“, sondern ein „. Er ist ein „soziales Objekt mit eingebauter Logik“ ist. Es liegt schon darin, dass der Kalender gar nicht meinen Willen abfragt. Was ja auch in der Sache selbst begründet ist. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass er meinen Willen abfragen will. Es geht im Kalender immer um meine Verfügbarkeit, ganz so, als sei Zeit teilbar, reservierbar und verfügbar.
Dein Wollen hat darin keinen natürlichen Platz, weil es sich oft nicht terminieren lässt.
Ein Wollen kann gar nicht terminiert werden, denn das lässt sich kaum als Ereignis abbilden. Haltungen, Werte, Bedürfnisse, all das findet keinen Raum im Kalender. Da Wollen eine Zeit im Ich-Zeit-Quadranten ist (siehe oben), braucht es sozusagen Freiraum. Freiraum aber ist ein Hohlraum und das wirkt so, als sei da nichts geplant. Damit ist im Kalender eigentlich nur das legitimiert, was dort steht. Hohlräume wirken wie ungenützte Zeit.
Damit wird Vergangenheit zur Autorität über die Zukunft.
Das ist subtil, aber mächtig – und ein Kern deiner Ohnmacht.
Stimmt auffallend. Beide Zeiträume gibt es gar nicht, gedachte Räume, die wir letztlich mit Leben füllen. Gestern ist vorbei und das morgen kommt erst noch. Und dennoch übernimmt die Planung von heute und von gestern für mich die Gestaltung des Morgen.
Mir entgleitet zunehmend das Planungsinstrument Kalender außerdem auch, weil es Schichten um Schichten von Erwartungen, Absprachen, Zusagen und Vereinbarungen gibt, denen ich mich mehr und mehr ausgeliefert fühle, weil es ja da schon steht – im Kalender eben. An der Stelle bietet mir ChatGPT an, das Objekt „Kalender“ anders zu benutzen, denn nur damit kann ich diesen Kipppunkt vermeiden.
Um einen anderen Umgang zu trainieren, empfiehlt mir die Maschine zunächst einen beliebigen fremden Eintrag auseinanderzunehmen. Fremd meint hier, einen, der typischer Weise nicht selbstbestimmt ist, wie zum Beispiel den nächsten Konferenztag. Diesen Termin soll ich nach folgenden Fragen hin prüfen: Wer hat den Termin initiiert? Wer profitiert davon? Was, wenn ich ihn ausfallen lasse? Bin ich Subjekt oder Ressource? Als nächstes kommentiere ich diesen Eintrag – also ich trage ihn ein und markiere ihn mit einer Farbe, einem Symbol, einem Kürzel, damit ich direkt erkennen kann, dass das nicht mein Wille ist.
Du kannst dem Kalender keine neue Grammatik beibringen, aber du kannst eine zweite Stimme einführen.
Weiter – im Sinne der zweiten Stimme – setze ich Termine in den Kalender die einen Null-Anlass haben. Sie brauchen keine Rechtfertigung, aber müssen wie die klassischen Einträge ein Datum, eine Uhrzeit und eine Verbindlichkeit haben. Wichtig ist, dass ich diesen Datensätzen die gleiche Autorität – so drückt sich das Programm aus – zubillige, wie anderen fremden Ansprüchen.
Und der nächste Aspekt beinhaltet eine wichtige Regel: Der Kalender ist nicht das Problem, er ist der Ort, an dem der Konflikt von verfügbarer und fremdbestimmter Zeit sichtbar wird. Es ist der Ort, an dem sich mein „Verhältnis zur Zeit materialisiert“. Schön gesagt, muss ich sagen.
1. Warum Tango bleibt – und Schreiben bricht
Nach dem Wollen definierten wir gemeinsam tatsächlich, was die Ich-Zeit ausfüllt. und so kamen wir dazu, dass Dinge, die ich mag wie das „Tango tanzen“ und das „Schreiben“ in der Kalenderdebatte große Unterschiede aufweisen, die sich zu beleuchten hier lohnen. Ich fasse das auch zusammen. Wir differenzieren zwischen sozialer und zeitlicher Ontologie (Lehre vom Sein): Tango ist etwas, was ich mit anderen Menschen, an einem fixierten Ort und zu einer bestimmten Zeit tun kann. Ich kann zwar immer Tango tanzen, nicht aber immer mit anderen Menschen. Es hat dann einen definierten Anfang und ein definiertes Ende. Es findet auch statt, wenn ich nicht teilnehme. Nehme ich über eine längere Zeitspanne nicht teil, werde ich aus den sozialen Bindungen ausgeschlossen. Schreiben ist etwas, was ich mit mir allein tue, es ist intern verankert und rein intrinsisch. Ich brauche dafür keinen bestimmten Ort, es gibt keinen sozialen Widerstand und keine zeitlichen Rahmenbedingungen. Damit ist der zentrale Fehler, dass ich das Schreiben in die zeitlichen Lücken legen will, was nicht geht, da es kein neutraler Raum, sondern Restzeit ist und die ist jene Zeit, die in dem vierten Quadranten liegt.
Die Suche nach Zeit für … scheitert, weil du damit dieses Für zum sekundären Ereignis erklärst.
Zum Schluss habe ich mich damit auseinandergesetzt, dass es unterschiedliche Schreibeinheiten in meinem Leben gibt. Gerade die des Romanschreibens ist das erste, was ich verliere, denn ich habe dafür keine Zeitslots. Es ist schon so, dass ich schreiben will. Ich liebe es. Ich liebe es ja, doch ich hab immer darauf gewartet, dass ich einst einmal mehr Zeit haben werde. Natürlich hab ich dann nicht mehr Zeit. Bullshit. Ich werde immer meine Zeit voll durchgeplant haben. Die einzige Möglichkeit ist die, tatsächlich den Timeslot so zu setzen, dass er indiskutabel ist. Opfer bringen. Das rauscht neben dem Tinnitus im Ohr. Opfer bringen. Hart muss ich bei dem Gedanken schlucken. Welches Opfer denn noch?
- Freies Schreiben / kreatives Schreiben
- Keine äußeren Anforderungen
- Hohe Vulnerabilität, bricht in Lücken sofort zusammen
- Braucht festen, ritualisierten Rahmen und Opfer
- Pflicht- oder Projekt-Schreiben
- Extern motiviert (Aufgabe, Deadline)
- Setzt sich oft leichter durch, auch in Restzeit
- Aber oft nicht dein Wunschprojekt
- Experimentelles / prozessorientiertes Schreiben
- Kurze Impulse, Notizen, Brainstorming
- Kann in Lücken bestehen, aber bleibt brüchig
- Gut, um Rhythmus zu testen, nicht um Kontinuität zu erzeugen
Das war tatsächlich sehr lehrreich, doch wenn ich das nicht fruchtbar für meinen Kalender nutze, dann war das auch wieder nur Ich-Zeit. Eigentlich liegen hier noch Klausuren, eigentlich hab ich Sabine zugesichert, ihren Film (5,5 Stunden) zu schauen, eigentlich haben wir kurz vor 1 Uhr und ich müsste eigentlich … so vieles anderes tun. Schön, dass ich heute wenigstens Tango tanzen war.