Misogynie – Ein Begriff, der erklärt gehört.

„Misogynie […] ist ein zentraler Teil  sexistischer  Vorurteile  sowie  Ideologien und ist daher eine wichtige Grundlage für die Unterdrückung von Frauen in männlich dominierten Gesellschaften. Misogynie manifestiert sich auf vielfältige Weise, von Witzen über Pornografie bis hin zur Beförderung eines Empfindens von Selbstverachtung von Frauen und ihren eigenen Körper.“

– The Blackwell Dictionary of Sociology: 2000[30]

Ich war 18 Jahre und stellte fest, dass ich nicht Fräulein genannt werden wollte. Mit meiner besten Freundin Anja besuchte ich Seminare, die die Rolle der Frau thematisierten. Ich war eine politisch aktive Feministin. Zumindest soweit, wie man das als Jugendliche ist.

(Anmerkung: In einer Diskussion jüngst zu dem Wort „Fräulein“ stieß ich darauf, dass manch eine Frau das nicht einmal anstößig findet, verniedlicht und damit auch verdinglicht zu werden. Schließlich sei das Wort doch ungefährlich und könnte sogar Unabhängigkeit vom Mann als unverheiratete Frau anzeigen. Doch wieso muss ich mich als Frau über den Mann oder in Differenz zum Mann definieren? Ein Mann der Diskussionsrunde befriedete die Situation, als er sagte, dass die Anstößigkeit im Mangel eines Gegenbegriffs für den unverheirateten Mann fehle. Ist es aber nötig, einen Menschen allgemein über ein Status zu definieren?)

In meinem Studium achtete ich anfangs auf eine Sprachsensiblität, die heute „gendern“ genannt wird. Ich habe es eingestellt, vielleicht aus Bequemlichkeit, vielleicht auch, weil es keinerlei Erfolge brachte. Ich habe meinen Feminismus wie ein altes Kleidungsstück abgelegt. Eigentlich war ich sicher, ich hätt es bei einem Umzug nach der Heirat verloren.

Verräterin – ich. Nie wollte ich heiraten, lieber frei mit mehreren Männern und Frauen leben. Ich habe geheiratet, denn ich war mir als Alleinerziehende gar nicht mehr sicher, dass das ein gutes Lebenskonzept war. Alleinerziehende. Als alleinerziehende Frau ist man (witzig) vor allem allein. (Und wieder eine Definition über eine Funktion!) Nicht nur zwischenmenschlich sondern auch wirtschaftlich. Ich fühlte mich verdammt und ausgegrenzt. Ich und meine Tochter. Mein Fehler, mein individueller Fehler war meine leichtlebige Haltung zur Sexualität und zum Sex. Das hatte nichts mit meinem Geschlecht zu tun. Dachte ich. Die Art und Weise des Umgangs des Sexualpartners – oder doch besser Sexualgegners wie ein Gegenspieler? – allerdings hatte ich doch auch verdient, also die negative Haltung. Ich wollte ihn (den Vater des Kindes) nicht – also ich lehnte seinen Heiratsantrag ab. Oder hatte das Thema doch was mit meiner freien Wahl für mein Examen zu tun? (Ich dachte, das ist was Individuelles. Vermutlich nicht, nachdem was er mir 16 Jahre später ohne mich auch nur zu Wort kommen ließ vor den Kopf knallte und ich mich fragte, inwiefern ich diesen Mann kannte und inwiefern ich mich wohl gekannt haben mag. Ich sag mich in den Aussagen, ihn als Samenspender missbraucht zu haben, die nun nicht mehr mit dem „Blag“ umgehen und nach Hilfe schreien würde, nicht wieder. Bis dahin dachte ich eigentlich, dass man über alles reden könnte!)

M. ist die strukturellewirtschaftliche oder rechtliche Ausgrenzung bzw. Benachteiligung von Frauen.

Wikipedia: Misogynie

Die Worte von T. werden mir auf ewig nachklingen: „Kein Problem, du ziehst nach Iserlohn zurück und wir heiraten. Du kannst ja dein Studium noch zu Ende machen, aber dann sorge ich für uns. Ein Mann, ein Wort!“ Rums. Iserlohn? Ich? Hausfrau und Mutter? Ich? Ehe ohne Liebe? Ich ? Da sah ich mich nicht. Und das war es dann auch. T. hat sich um seine Tochter nicht gekümmert. Misogynie hab ich dahinter gar nicht entdeckt, allerdings ein sehr überholtes (für mich überholtes) Denkbild von der Frau als Mutter und Kümmerin, zugleich von einer idiotischen Hilfsbedürftigkeit. Ich – als humanoides Wesen – gebe zu, bei manchen Dingen Hilfe zu brauchen. Alles kann ich eben nicht. Aber nicht, weil ich eine Frau bin. Ich erinnere mich, dass ich da an den Roman von Merilyn French „Frauen“ dachte und meinte, ich hätte mich verhört.

M. ist die Entmenschlichung oder Objektifizierung von Frauen (nicht nur durch Abwertung, sondern auch durch wirklichkeitsfeindliche Überidealisierung weiblicher Identitätsaspekte bspw. Körperideale, Mutterideale, Verhaltensideale etc.),

Wikipedia: Misogynie

Ich wollte Schriftstellerin werden, als ich mit meinem Studium begonnen hatte, denn das war alles, was ich wirklich konnte (und kann). Diese Idee war offensichtlich für meinen Mann K. – den ich dann doch heiratete – keine, die er unterstützen konnte. Und ich gab sie auf, weil ich mit mehr als 25 Jahren dachte, dass das vielleicht eine fixe und völlig überholte Idee ist. Lehrerin ist solider und ermöglicht mir ein eigenes sicheres Einkommen, so lange ich die Kinder habe. Auch eine individuelle Entscheidung – oder etwa nicht? Was wäre, wenn ich den soliden Berufe gehabt hätte und der andere einer „fixen“ Idee nachjagte? So wie mein aktueller Partner, der sich selbständig gemacht hatte – wenn er auch heute damit erfolgreich ist. Bleiben wir für einen Moment dabei, dass das meine Entscheidung war, so war für mich eines klar: Keine Unterstützung.

„Misogynie […] Kennzeichnung von Einstellungen, die die strukturelle Benachteiligung der Frau in der Gesellschaft und im privaten Bereich widerspiegeln. Misogyne Einstellungen und Verhaltensweisen äußern sich sowohl offen restriktiv (Karrierehemmnisseungleiche Bezahlung etc.) wie auch durch die in verdeckter Weise erfolgende Beschränkung der Frau auf ihre traditionelle Geschlechtsrolle (Verzerrung des Selbstbildes der Frau aufgrund spezifischer Sozialisation, Betonung ihrer schwächeren Position durch überlieferte Höflichkeitsformen etc.).“– Lexikon der Soziologie: 2011

 Lexikon der Soziologie: 2011

Ich wollte Kinder, ich wollte für sie da sein. Also eine sehr bewusste Entscheidung. Meine Kinder wollte ich nicht, weil ich kleine Kopien von mir wollte, weil ich zeigen wollte, dass ich es kann oder weil sie mal für mich sorgen könnten, ich wollte Kinder, weil ich sehen wollte, wie sie sich entwickeln. Meine große Tochter wollte ich, weil ich erleben wollte, wie es ist, Mutter zu werden. Wie fühlt sich das Leben im Bauch an? Wie fühlt sich die Verantwortung an? Was passiert mit mir? Nicht mit meinem Geschlecht. Darüber habe ich nicht nachgedacht. Mein Geschlecht hatte damit nur so viel zu tun, wie mir mein Körper ermöglichte, selbst Kinder zu bekommen. Das ist nicht unwesentlich, macht aber nicht mein Sein aus. Als meine Tochter geboren war, habe ich ihr Verstärkung gegen die Eltern gewünscht. Deswegen hat sie zwei Geschwister bekommen. Fertig. Ich möchte betonen, dass ich meine Kinder nicht zur Selbstverwirklichung brauchte, sondern aus Neugier. Keine Ahnung, ob das ein guter Grund ist, aber ich halte ihn zumindest für besser als das erstere und auch besser, als ein Kind als Prestigeobjekt zu bekommen wie viele Frauen, die neben der Karriere noch zeigen müssen, dass sie ein Kind großziehen können. Doch auch ich musste irgendwie Kinder und Beruf und Haushalt zusammen schaffen. Urrrghhh

Herbst 2019: In meinem Emailfach landet ein Aufruf zur Demo vieler Frauen, weil Frauen mit der Doppelbelastung oft allein dastehen: Kinder und Haushalt, dann noch der Beruf. Also ich denke, es ist eine Dreifachbelastung. Mein erster Gedanke: Selber schuld. Ich hab die Frauen vor Augen, die den musealen Zustand einer Wohnung ohne Staubkorn und Schmutzfleck als Normalzustand anstreben und dachte „selbst Schuld“. Ich möchte mich entschuldigen, denn mir war nicht klar, welche Sozialisierung wir mit der Muttermilch zu uns genommen haben. Auf dem Weg in die Emanzipation. Frauenrechte in BRD und DDR ist ein Podcast von Ulrike Beck und wurde am 29. Juni 2020 auf Bayern 2 ausgestrahlt und erklärt, wie es zum Gesetz der Hausfrauenehe kam.

„Erst am 1.Juli 1958 tritt das neue Gleichberechtigungsgesetz in Kraft – das allerdings keineswegs eine Gleichstellung von Mann und Frau verankert, sondern das Gegenteil: die so genannte Hausfrauenehe. […] Die Frauen in der Bundesrepublik begehren dagegen nicht auf. Im Gegenteil: Für die meisten gilt es als Statussymbol, verheiratet zu sein. Angesichts des Frauenüberschusses ist der Kern der Frauenfrage, so schreibt die Zeitschrift „Heute“ 1957 „der Kampf um den Mann.“ [siehe ebenda; PDF zur Sendung]

Ich selbst habe sehr häufig mit meinem Ex-Mann darüber gestritten, wie meine Hausfrauenpflichten aussehen. Ich habe innerlich mit mir gerungen, weil ich keinen Beitrag leistete (natürlich tat ich das schon, nämlich einen erheblichen für die Gesellschaft – und ich habe meinen Job für die Gesellschaft sehr gut gemacht.); ich fühlte mich sehr oft minderwertig und unfair und zu faul (ich war rund um die Uhr auf den Beinen: Kinder, Wäsche, Einkaufen, Ärzte, Erlebnisprogramm, Versorgung, etc.), zu unorganisiert und zu sehr „kindkonzentriert“. Nach außen habe ich keinen Zweifel gelassen: „Wenn dir eine aufgeräumte Küche wichtig ist, dann räume sie auf“, habe ich zu ihm gesagt, „schließlich kannst du das genauso gut!“ Außen hab ich den Schein erhalten, dass ich darüber stehe, innerlich hat es an mir gefressen: Aus dem Grund hab ich nach Elias ersten Lebensjahr mit dem Arbeiten begonnen. Und das war die Hölle selbst. Doch an dieser Stelle: Mein Ex hat das alles mitgetragen und unterstützt, denn dies war keine fixe Idee, sondern erlöste auch seine Ernährerrolle. In ihm nagte nämlich das andere Gift, was auch seine Mutter einträufelte: „Wo bleibt dein Gegenwert? Du gehst arbeiten, machst sauber und kümmerst dich um die Kinder. Wo aber bleibt dein Gegenwert?“

Mit drei Kindern musste ich aber nicht mehr voll arbeiten, da konnte ich doch auf eine 2/3 Stelle gehen. Also guten Gewissens. Mein Wunsch nach Schriftstellerei hab ich auf meinen 50. Geburtstag verschoben (insofern bin ich sogar schneller.) Dennoch hatte ich das Gefühl, es nicht wirklich zu schaffen. Andere Frauen konnten das besser. Mein persönliches Shot down erfolgte, als meine jüngste Tochter ein Jahr alt war. Positiver Nebeneffekt: mein Ex erkannte zum ersten Mal meine Leistung an.

M. ist die geringe Anerkennung der Arbeit von Frauen (Care-ArbeitGender Pay Gap etc.),

Wikipedia: Misogynie

Die Demo! Ich habe lange darüber nachgedacht und für mich entschieden, dass mir vor allem Probleme bereitet, mich nicht als humanoides Wesen (ich empfinde das nicht als Frau) um meine Kinder kümmern zu können, ohne Schuldgefühle einem Partner gegenüber oder mir selbst, weil ich doch als emanzipierte Frau meinen Weg gehen muss.

Wenn ein PAAR sich für Kinder entscheidet, dann steht die Aufgabe der Brutpflege an. Angenommen, das würde gesellschaftlich, dann könnten die ersten drei Jahre beide Eltern zur Verfügung stehen (weil es viel entspannter ist und man dann auch Kinder in die Welt schickt, die sich gut entwickeln können, wenn man sie nicht fremdbestimmt hat), anschließend arbeiten die Eltern in den Ferienzeiten nicht. Diese Zeit wird als Vorrente vergütet – also mit der Arbeitszeit danach verrechnet – wie BAFÖG oder ein Darlehen. Alles, was Kinder kosten – alles – wird von der Gemeinschaft getragen, so dass jene, die sich bewusst gegen Kinder entscheiden oder keine eigenen haben können und keines in Pflege nehmen wollen, langfristig dafür mehr in die Gemeinschaft zahlen. Kinder sind eine Sache der Gemeinschaft, deswegen kann die Gemeinschaft begrenzt Regeln aufstellen, wie die Kinder durch die Gemeinschaft versorgt werden. Nebenbei wäre das Kinderkriegen für AkademikerInnen wieder interessanter und wir könnten der Idiokratie entgegen wirken.

Das humanoide Wesen ist ein Gemeinschaftstier, es braucht die Herde. So, wie ich jede Kind verpflichte lesen und schrieben zu lernen, in die Schule zu gehen, so kann ich auch jedem Jugendlichen als Unterrichtsfach die Erziehung zum Inhalt machen, ein Pflegepraktikum auferlegen und das Soziale Jahr nur noch inhaltlich freistellen, nicht aber, dass es erfolgt. Wieso auch nicht? Individualität? Der freie Wille? Und wir lassen uns alle sagen, welches Buch wir lesen sollten oder welcher Weg der bessere ist. Algorithmen bestimmen unsere INDIVIDUALITÄT. Und unsere jeweilige Sozialisierung. Aber schauen wir weiter.

Quotenregel hin oder her: Zumindest zwingt sie althergebrachte Strukturen in den Blick zu nehmen. Wie wenig das leicht ist, erinnere ich mich, denn mein Ex durfte nicht ohne Gesichtsverlust und mit gefürchteten Repressalien Erziehungszeit beantragen. Neulich im Park: Ein Mann der muslimischen Kultur wickelte öffentlich im Park seine kleine Tochter selbst. Wenn das nicht ein Anlass zur Hoffnung ist.

Was wollen die unterschiedlichen Individuen, was ist für den Fortbestand und die Entwicklung der Gesellschaft sinnvoll oder notwendig und was ist konsensfähig? Frage meines Partners.

Mein Ansicht nach lassen sich manche Dinge nicht individuell regeln, sondern brauchen gesellschaftliche Regeln wie jetzt in Zeiten von Corona oder die Quotenregel. Ließen wir den Menschen die Freiheit, aus Einsicht in die Notwendigkeit die Masken zu tragen, würden sie es nicht. Trinken schwangere Frauen dennoch Alkohol, weil sie sich das doch nicht von so’nem blöden Arzt vorschreiben lassen, hat das schwere gesundheitliche Folgen für ein anderes Leben. Das wiederum nötigt die Gemeinschaft unterschiedliche und vermeidbare Aufwendungen ab. [Ich will hier nicht von Geld sprechen, auch wenn das die Währung ist, in der die Aufwendungen spürbar oder berechenbar sind, weil es gleich den Anschein hat, es ginge auch nur um die Zahlen. Ich sehe das allerdings eher auf die Ressourcen einer Gemeinschaft bezogen, die in Geld ausgewertet werden kann.] Sicher gibt es viele Dinge, die frei zu entscheiden sind – widerspenstig zähle ich auch den §218 dazu, der für mich absolut keine Option zu keiner Zeit gewesen wäre – und dennoch geregelt werden müssen, wie eben in dem Paragraphen.

Also ist geht es im Kern um die Frage; Wo brauchen Menschen die Unterstützung der Gesellschaft?

Heute im Radio WDR5: Die Pflege darf nicht weiter als Liebesdienst der Frauen gesehen werden. Sie kostet Geld [Ressourcen, Kraft, Zeit].

WDR 5, Radiobeitrag

Wenn aber der gesellschaftliche Rahmen – wie bei der Quote oder sonstigem – erstmal gegeben ist, dann kann man individuell entscheiden, ob man lieber so oder so handeln will. Eine passenden gesellschaftlichen Rahmen zu setzen bedeutet noch nicht, dass es unter Zwang durchzusetzen sei. Das ist die Kehrseite — eben eine Gradwanderung. UND bedeutet nicht auch die ewige „Freiheit für individuelle Entscheidungen“-Rufe, dass da der misogynische Gedanke greift. Angriff auf die Individualität oder eben der Ruf nach Individualität zur Verschleierung eines gesellschaftlichen Problems?

Ich hatte gedacht, mit dem Thema „Feminismus“ bin ich in Reinen. Mit Männern komme ich aus und keiner von ihnen verachtet mich, weil ich einen Frau bin. Gewalt, sexualisierte Gewalt kenne ich, aber der Mensch ist ein Mensch.

Dann fing ich an, diesen Roman zu schreiben, von dem ich dachte, es sei vor allem eine gute Geschichte und ich erzähle sie gern, weil es mir Spaß macht, sie zu erzählen. Recherche: Feminismus, Gewalt gegen Frauen, Androzentrisches Weltbild, Männerberufe, Frauenhass und Femizide brachen über mich ein und holten mich dort ab, als ich als 18 Jährige am Sparkassenschalter stehe, einem jungen Bankfachangestelltem gegenüber, dem ich erkläre, dass ich keine halbe Frau bin und deswegen nicht Fräulein sei, so wenig, wie er Herrlein.

Ich rede viel mit Männern über den Inhalt des Romans, in dem ich 97% aller Männer sterben lasse und den Rest später durch Feministinnen täten lassen werde. Ein Mann fand bislang, dass mein Roman männerfeindlich sei, was er genauso ist, wie unsere Welt frauenfeindlich. Viele mehr Männer sehen in ihren Geschlechtsgenossen tatsächlich das Übel der Welt begründet: Trump, Erdogan, Kim Jong-un; Bolsonaro und Co sind gefährlich. Ob Frauen es grundsätzlich besser machen, bleibt offen; statistisch gesehen zu wenig Material.

In meinem Roman geht es nicht darum, mit Männern abzurechnen und zu sagen, dass sie die schlechten Menschen sind. Aber eine Abrechnung ist es schon. Es ist Zeit, dass wir uns nicht als Gegner betrachten sondern als zwei Teile eines Ganzen, die sich gegenseitig bereichern und befruchten.

Verschieden, aber gleich-wertig.

Und es ist gleich viel wert, ein Mensch zu sein: Weder das Geschlecht, die Hautfarbe, der Geburtsort noch die Arbeit darf den Unterschied als Diskriminierung, Fehler, Herabsetzung, Entwürdigung oder schlimmeres ausmachen.

Wenn Frauen einen Männerjob ausüben, dann machen sie es anders als Männer: anders heißt nicht schlecht. Dieses Anders braucht Raum, wenn wir von diesen Stigmata des Geschlechts wegwollen. Mein Roman treibt das auf die Spitze.

Die Rolle der Geschlechter … Modelle müssen begründet werden?

Mein Quellen:

Recherche ist noch nicht beendet. Und für eine Diskussion bin ich offen. Also sagt was.

Zu viel Inhalt und doch zu wenig Handlung?!

Erstmal das Standardessen für die arbeitende Scarlett essen (Spaghetti Algi e alio) und dann denken.

Meine Figur ist zu langweilig.
Anna macht zwar ganz ganz viel, aber gleichzeitig sitzt sie nur rum, hier eine Sitzung, dort eine Besprechung, da ein Dialog. Sie macht nichts. Natürlich passiert in dieser neuen Welt viel, aber das kann ich nur über Nachrichten zeigen, weil meine Figur eigentlich nie am Ort des Geschehens dabei ist. Ihr Antagonist ist die Uhr oder sind die vielen Aufgaben, denen sie ausgesetzt ist. Ständig wechseln die Orte, gleichzeitig wiederholen sie sich auch:
— Besprechung im Rathaus
— Station Gynäkologie oder Pathologie im Krankenhaus
— Stollen und Labor
— Elternhaus

Da ist wenig „Handlung zeigen“. Im Moment zeige ich nur, dass sie keine wirkliche Zeit hat, sich auf die Forschung zu konzentrieren. Bekomm auch den Dreh nicht, wie sie den Impfstoff vielleicht doch noch finden kann. Muss ich aber am Ende, denn sie muss ihn sogar noch ausprobieren.

Hab es nach Tagen mal so hintereinander gelesen und stelle zwei Dinge fest: 1. sie ist sehr reflektierend-philosophisch unterwegs (so meine Gedanken spiegeln sich stark in der Figur) und 2. bricht ständig die Handlung, weil auf sie viele Dinge einwirken (da sie bei allem sehr besonnen und ruhig bleibt, sehr freundlich ist, entspricht sie hier gar nicht meinem eigenen Sein – was mich beruhigt). Wenn ich das so lese, dann lese ich eine Menge Aktion, wo tatsächlich manches schon zu viel Zirkus ist. Was ich davon auslagern kann – vielleicht auch in den zweiten Teil – muss ich sehen. Auslagern will ich zum Beispiel sowohl den Ausbau des Feminismus und des Männerhasses (Misandrie) als Reaktion auf die historische Misogynie und den aktuellen Verlust einerseits – dargestellt durch die Machtübernahme der Uturistinnen – und der Wunsch nach Gleichstellung der Geschlechter, Diversität und nach Auflösung des Kampfes angesichts der großen Verluste – dargestellt durch Liliths Schwestern – andererseits. In 60 Tagen kann kein Geschlechterkampf ausgetragen sein, der so lange schwelte.

Anna kann sich lange lange lange gegen die einseitige Betrachtung von Männern und ihrer Rolle wehren und behält im Blick, dass Männer vor allem humanoide Wesen sind, die ebenso vielschichtig sind wie Frauen. Gegen Ende der Stollenzeit denkt sie jedoch, dass vielleicht eine Geschlechtertrennung für die Frauen zum Schutze und zu ihrer Fortentwicklung besser sei als eine gemischte Gesellschaft. Das Sein (ihre Welt) hast sich so verändert, dass sich auch ihr Bewusstsein (die Wahrnehmung der Welt) verändert hat. Sie geht den Vertrag ein, weil sie das beste hofft, doch nicht daran glaubt.

Ich habe Anna gefunden: Als MIttlerin steht sie am Ende zwischen den Stühlen und muss sich entscheiden. Sie entscheidet sich gegen alle alten Werte (Liebe, Ehe, gemischte Gesellschaft, Gleichberechtigung, etc.) und verschiebt eine Veränderung auf später.

Aber Abspecken muss ich die Handlung auf jeden Fall. Ich muss schauen, was ich davon in Teil II auslagern kann.

Unten? — Feddich!

Der erste Teil – der im Stollen spielt – ist fertig. Den habe ich vor ein paar Tagen mit 356 Manuskriptseiten abgeschlossen (82.000 Wörter). Die Story steht. Die Figuren müssen noch klarer umrissen werden, da bin ich nicht zufrieden mit. Mit dem zweiten Gang werde ich aus den Figuren Charaktere formen und deutlicher in ihren Geflechten darstellen. Manche schwimmen etwas in andere hinein. Im dritten Gang dann 10 % raus und dann kann ich das anderen Menschen zu lesen zumuten.

Jetzt bin ich an „oben“. Die Geschichte muss raus.

Ich setzte mich genauso unvoreingenommen daran wie an den ersten Teil. Den wollte ich aus der Sicht von Anna schreiben. Reizvoll in den Kopf des anderen zu sehen: Wir hören die Gedanken von Jacek zu Anna und wir hören die Gedanken von Anna zu Jacek. Wichtiger noch, wir können zusehen, wie beide sich in einem „nicht mehr ganz so ehrlich zu einander“ verstricken, in der Annahme, der andere bekommt das nicht mit und gleichzeitig fühlen sich beide betrogen, weil sie natürlich mitbekommen, wenn der andere lügt. Darüber reden beide nicht und es kommt zu einer Entfremdung, begünstigt durch die Umstände.

Nun setzte ich mich also auf Annas Platz. Meine größte Sorge: Gleicher Stil, indifferenter Einheitsmatsch. Aber ich fand etwas schon nach den ersten Sätzen, wieder so ganz unterwegs:

Anna schreibt im Bericht-Stil und im Präsens. Alles was sie erlebt und was sie fühlt, wird von ihr formal berichtet – für ein zukünftiges gebildetes Publikum.

Durch den Tempuswechsel ist es nicht nur ein eigener Stil, es ist auch absolut stimmig, weil die Mann-Ära zu Ende geht (zunächst einmal – also so in etwa zumindest) und damit Vergangenheit ist, selbst die wenigen Exemplare können das nicht reißen und, weil die Frauen-Ära aufsteigt, jetzt aktuell.

WOW – und das so ungeplant.

Während ich daran gearbeitet habe, musste der Autorenwelt-Newsletter ins Mailfach flattern. Ich hab einfach mal wieder reingesehen, ob da doch mal was interessantes drinsteht. Und ich fand eine Ausschreibung vom Verein Lesezeichen e.V., mit der ich die Tragfähigkeit meiner Geschichte an einem kleinen Beispiel testen könnte. Sie suchen kleine Romanideen von Autoren, die noch kein Debüt hatten. 150 MS (Manuskriptseiten) soll der nicht überschreiten. Ich dachte, wenn ich die Geschichte von Pierre erzähle, sind die 150 Seiten locker voll. Ich kann die Bühne ausprobieren, die Figuren einführen, zumindest Paul, Jacek und Anna. Ich kann die Antagonisten testen – die Uturistinnen – und ich kann schauen, ob mein Stil ankommt.

Die Leseprobe, das Exposé, eine Kurzvita, meine Veröffentlichungen – mehr braucht es nicht. Die Prämisse in das Exposé? Ja, was genau ist das eigentlich? Ich habe mir das immer mit der „Was wäre, wenn?“-Frage gemerkt. Noch besser aber: Die Moral von der Geschichte oder die Lehre hinter dem Ganzen. Was will der Autor dem Leser oder der Leserin völlig verklausuliert mitgeben?

Da saß ich nun mit Pierre. Schöne Dinge, die ihm da passieren und die spannend sind, aber was will ich dem Leser sagen? Da hab ich doch echt lange drüber nachdenken müssen. Getz hab ich die Prämisse: Wenn man immer gegen was anläuft, tut eben der Kopf weh. Also … in diesem Sinne – ich begeb‘ mich auf’s Laufradle.

Noch eine Teststrecke von vier lieben netten Menschen und dann geht es auf Reise.

Bin am Werk drane – Teil II

Das seitenweise Runterschreiben gelingt mir nicht. Ich stelle fest, dass hier und da Recherche für den weiteren Verlauf wichtig und nötig ist. Oder ich spring zurück, weil ich an diversen anderen Tagen noch was einbauen muss. Einmal hab ich nur einen Handlungsstrang in den Rest integriert und durchgeplotet.

Zur Romanstruktur: Die Tage sind gezählt, die unsere Helden im Stollen verbringen (Unten) und was währenddessen in der Stadt passiert (Oben). Diese Tage dienen der linearen Orientierung. Damit ich die Orientierung nicht verliere und nicht so viel Zeit mit Suchen verbringen muss, wann was genau vorher oder nachher passiert ist, habe ich mir eine tabellarische Übersicht wie ein Kalenderblatt mit 90 Feldern (für drei Monate) aufgehängt. Damit ich also weiß, ab wann im Stollen von wem Brot gebacken wird, ist das an Tag 4 auf einem blauen Zettel (Farbe = Ort) vermerkt. Das erlaubt mir die Wochentag im Blick zu behalten, So kann ich sie abzählen. Das wiederum erlaubt mir, zyklische Abläufe zu koordinieren und damit kann ich zurückspringen und kleinere Handlungsstränge geschickt einflechten, ohne nochmals alles umzustricken zu müssen. Hier ein Beispiel:

Einer der Handlungsstränge, denn ich erst im Nachhinein untergebracht hatte, obwohl ich ihn schon ganz am Anfang im Kopf hatte, war die „Warten auf Godot„- Sequenz. Wenn wir einen Querschnitt an Menschen annehmen können, dann haben wir eine deutlich geringere aber doch vorhandene Zahl an Intellektuellen, denen das Theater fehlen wird, wenn es lange ausbleibt. Naheliegend ist, dass sie selbst ein Theaterstück inszenieren, wenn die Langeweile groß genug ist. Allerdings musste ich erstmal schauen, wann dieser Zeitpunkt denn kommt. Auch, wie lang die Handlung danach noch im Stollen stattfinden würde. Ich wollte, dass dieses Theaterstück den Höhepunkt des Wartens und der Langeweile von UNTEN markiert. Danach dreht die Handlung nämlich und wir haben eine große Beschleunigung bis zur Katastrophe und dem Ende. Als ich den Moment der Aufführung absehen konnte, konnte ich auch die Handlung dafür einführen. Aber auch die Vorbedingungen, die eine Inszenierung unter so vielen verschiedenen Menschen erst ermöglicht.

Das Theaterstück von Beckett habe ich vorher nicht gesehen. Ich wusste davon nur, was allgemein über das absurde Theaterstück bekannt ist: Man wartet auf jemanden, der nicht kommt. Daher stammt die Redewendung, die ich gerne nutze, wenn das Warten sinnlos ist. Wenngleich Warten für die meisten Menschen die unangenehmste Beschäftigung in der Lebenszeit ist, so ist es eine, der wir nicht ausweichen können und die viel Raum einnimmt. Auf irgendwas warten wir immer: Auf Normalität, auf den Postboten, auf Nachrichten, auf das Ende, auf den Anfang, auf die Liebe, auf die Erfüllung, auf Ruhe, auf Aufregung. Immer zeichnet das Warten aus, dass wir nicht im Hier und Jetzt verweilen. Die Menschen im Stollen warten auch, mit Langeweile und sinnlosen Taten. Und das Warten dachte ich, könnte mit dem Theaterstück über das Warten ein Ende finden, wenn auch nicht das geplante Ende mit dem Erfolg, dass das, worauf alle gewartet haben, eintritt. In dem Zuge suchte ich passende Zitate und passende Handlungselemente aus dem Beckett-Text, mit dem ich mich vorher nicht befasst hatte. Dann folgt das Wunder, dass ich schon öfters erlebte: Meine Intuition (also dieses fragil vage Gefühl) hat mich an die klarste Wasserstelle geführt. Ich habe so sehr passende Zitate gefunden, dass man denken könnte, ich suchte eine passende Geschichte für die Zitate.

Ein Beispiel: Immer versucht, immer gescheitert, egal, versuch‘ es wieder, scheitere erneut, scheitere besser.
– https://gutezitate.com/autor/samuel-beckett

Das war nicht einmal das Beste. Das hebe ich mir auf. Dieses Wunder ist der Grund, dass mir das Schreiben so viel Spaß macht. Ich setze mich mit Dingen auseinander, wie ich es sonst nicht täte und es macht mich glücklich.

Die Handlungsstränge von UNTEN und OBEN unterscheiden sich, ebenso die Positionen der Protagonisten … Mein Leitgedanke auch bei den Figuren:

Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

Anonymus – den Marx und Egels waren es nicht.

Arbeitsprozesse – Schreiben

Schreiben. Seit der Mensch zum ersten Mal in Keilschrift erfasst hatte, was er auf Lager hat und was er dafür bezahlen musste, schreibt der Mensch. Wie viele Planeten könnten wir mit phantastischen Geschichten ausstatten!

Wieso also sollte ich dem noch etwas hinzufügen wollen?! Sicher ist alles mehr als einmal erzählt worden.


Steven King hat geschrieben, dass er seinen Millionen zum Trotz weiterschreibt, weil er es liebt zu schreiben. Er hat Lust zu schreiben. Lust am Schreiben? Schreiblust vielleicht?!

Diese Gefühl lässt sich nur verstehen, wenn man es kennt.

Meine jüngste Tochter hat schon mit Mammutprojekten für sich angefangen, als sie noch in der Grundschule war, gleichzeitig liebt sie das Zeichnen. Als sie zehn Jahre alt war, sagte sie zu mir, dass ich sie beim Schreiben immer kritisieren dürfte. Es wäre gut, wenn ich ihr sage, was sie besser machen kann. Beim Zeichnen kann sie das nicht ertragen, das wäre für sie zu wichtig. Wie klar sie hatte, was ihr so wichtig ist, dass sie es sich nicht zerstören lassen wollte. Noch heute denke ich daran, wenn sie mich um eine Beurteilung zu ihren Zeichnungen bittet.
Und sie sagte, dass sie dann die Welt um sich herum vergisst.

Meine große Tochter erklärte mir (sie war 13 oder 14 Jahre alt), dass sie sich selbst Geschichten erzählt und dann die Welt um sich herum vergisst.

ICH? Ich fühle mich wie Gott, wenn meine Figuren auf dem Papier für mich tanzen. Leider tun sie nicht immer genau das, was ich von ihnen erwarte, aber dann muss ich sie leider auch den Schriftstellertod erleiden lassen. Ich habe erst vor drei Tagen ein Liebespaar mit einer Hinrichtung dafür büßen lassen, dass sie nicht mehr machten, was ich wollte. Scherz beiseite: Mit dem Tod einer Figur zeigt man, dass die Lage ernst ist und steigert die Glaubwürdigkeit. Außerdem frisst die Figur dann kein Papier und keine Aufmerksamkeit mehr. Manchmal müssen nicht mehr gebrauchte Figuren weichen.

Es macht Spaß. Das Schreiben.

Ich schreibe nicht für Ruhm (ein bisschen wäre schön), nicht für Geld (eine Hure sind meine Produkte der Phantasie auch nicht) und nicht für Anerkennung (dann wäre ich besser nicht Lehrerin geworden).

Zu sagen, ich schreibe nur für mich, ist Quatsch, denn dann würde ich mir die Geschichte erzählen und fertig. Das stimmt so auch nicht ganz.

  • Ich möchte die Geschichte mit anderen teilen, weil ich sie spannend, witzig, unterhaltsam finde oder weil sie zum Nachdenken anregen könnten.
  • Ich möchte sie in Bildern vor mir sehen und als Bühnenbild oder Film ansehen können.
  • Ich möchte sie meinen mir liebsten Menschen zeigen
  • Ich möchte nach Worten ringen und sie zusammenklauben.

Wenn ich nur mir die Geschichte erzählen wollte, müsste ich gar nicht so genau wissen, welche Berufe die 32 Männer im Stollen haben, welche Hobbys und wann sie alle so geboren sind. Auf der anderen Seite hätte ich nicht so viel Spaß dabei, mir auszudenken, was sie bislang gemacht haben, wenn ich es nicht müsste, damit daraus deutlich umrissene Figuren auferstehen können. Gott, der Hundefrisör hat mir schon viel Spaß gemacht und der Englischlehrer und erst der Frisör. Mein Frisör heißt Elvis.

Welche Eltern können ihr Kind so hassen, dass sie diesen Namen für einen Sohn auswählen? Nicht falsch verstehen, ich mag den Sänger Elvis. Dieser Name ist jedoch so stark besetzt von Elvis, dass es gemein ist, seinen Sohn diesem Gespött auszusetzen. Und nicht jeder, der es in der Schule schwer hatte, wird deswegen berühmt und erfolgreich.

Für den Verlauf meiner Story brauche ich die Berufe meiner Figuren kaum zu kennen, denn durch die Katastrophe (ich sag mal dazu nichts weiter) hat sich gesellschaftlich so viel verändert, dass die meisten Berufe gar nicht mehr gebraucht werden – zumindest nicht für den Lohnerwerb. Natürlich brauchen sie das Gelernte irgendwie zum Überleben. Die Männer hatten zwar alle möglichen interessanten und auch witzigen Berufe, doch ist das für die Situation, in der sie jetzt stecken, ziemlich nutzlos und wenig hilfreich. Bis auf ein paar Ausnahmen vielleicht zeigt das – das ist mein Spaß -, dass wir uns so hübsch spezialisiert haben und so schön die Aufgaben verteilen können (der Hundefrisör ist da sicher der Gipfel, ja und mein Besamer, nicht zu vergessen den Sozialwissenschafts- und Englischlehrer), dass wir im Falle einer realen lebensbedrohlichen Krise, die uns aus dem zivilisierten übertechnisierten Alltag zurückwirft auf die uns von Natur aus gegebenen Überlebensstrategien, erstmal da stehen, wie der Ochs vorm Berge. Wir würden überleben, wir fänden Strategien. Klar, das zeichnet den Menschen aus. [Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit] Doch wir hätten stark mit unserem Wunsch nach „Normalität“ zu kämpfen – wie die C-Krise (die für uns Deutsche doch harmlos verläuft) zeigt. Wir sind natürlich bereit, erstmal zu akzeptieren, dass es kurzfristig eine Veränderung gibt, aber in Wirklichkeit liegen wir wie Gregor Samsa auf dem Rücken und wollen die Augen vor dem verschließen, was unsere Normalität irritiert. [Die Verwandlung, Kafka] Das führt zu weiteren menschlichen Krisen wie Depressionen, aggressivem Verhalten, Apathie und Ähnlichem mehr.

Ich will sagen, es macht mir Spaß, mir all das auszudenken und zu überlegen, was der Leser dazu sagen wird. Und da denke ich auch an meinen Idealen Leser – wie Stephen King sagte. Bei ihm ist es seine Frau. Bei mir mein Partner. Zumindest wünsche ich mir das.

Als ich in seinem Buch „Das Schreiben und das Lesen“ las, dass er meinte, dass er bestimmt vor Carrie (sein Durchbruchsroman) aufgehört hätte zu schreiben, wenn seine Frau ihn nicht immer wieder ermuntert hätte, weiterzumachen, dachte ich an meinen Ex-Mann, an einige Ex-Beziehungspartner und dachte, dass mir die das Weiterschreiben nicht leicht gemacht hatten. Ich hätte für meinen Ex-Mann gar nichts schreiben können; es hätte ihn schlicht nicht interessiert. Ein Jugendfreund sagte mal, dass er es gerne schauen würde, wenn es verfilmt worden sei. Und jetzt meinte mein Partner – wir sind noch nicht so lange zusammen -, dass er sich freut, wenn er es lesen kann. Das ist Premiere – fast. Während des Schreibens denke ich oft: Was wird er wohl sagen, wenn er das liest?

Was nehme ich an wichtigen Botschaften von King mit:

  1. 10 Prozent müssen beim ersten Redigieren raus.
  2. Prüfe dein Leitmotiv und die Symbolebene – findet sich da was?
  3. Schreib erstmal – Hauptsache die Seiten füllen sich.
  4. Stilfragen kommen in die zweite oder dritte Runde – halte dich nicht mit einzelnen Wörtern zu lange auf.
  5. Kill die Adverben [er tritt sie tot] und schreib nicht so viel Redundanzen (ellenlange Beschreibungen in allen Richtungen). Und ich würde hinzufügen: Tot allen Füllwörtern: auch, eigentlich, mal, überhaupt, schon, aber, ja, nur, noch, doch, wieder, vielleicht, eventuell, dann. Das sind von allen die schlimmsten, denn dieses Unkraut wuchert unansehnlich auf der Wiese und macht Ärger. Ein Satz ohne diese angeblichen Verstärker wirkt um ein Vielfaches dichter, klarer und eindeutiger. Die Klarheit der Einfachheit.
  6. Lass dem Leser Lücken zum Füllen – er hat ja auch Phantasie dabei.
  7. Tür zu: Du und der Text/ Tür auf: der Text und die Welt.
  8. Kill your darlings – nicht dass ich es nicht schon wusste, aber es tut trotzdem weh.

Er hat natürlich viel viel mehr gesagt, aber das war es, was ich als wichtig erachten würde. Er hat auch gesagt, dass Lesen und Schreiben das Schreiben schulen würde, dass man nicht genug Romane lesen kann, dass Recherche natürlich auch wichtig ist (wenn das Buch geschrieben ist.), dass man einen Werkzeugkasten braucht und einen schönen Arbeitsplatz und eine konkrete Arbeitszeit … Jaja. Das kennt man alles.

Übrigens lässt sich das Buch richtig schön wegschnabulieren. Ich kann es empfehlen.

Die Unschärfe des Begriffs Bildung

Ein Gebilde der Kunst




Ein Begriff lässt sich fassen, wenn wir seine Umrisse konturieren. Um den Begriff Bildung zu bestimmen, beginnen wir mit dem Wortstamm: Bild. Ein Bild ist eine Anordnung von kompositorischen Elementen, denen ich einen Sinn entnehmen will. Dabei handelt es sich um einen Ausschnitt von einem unendlichen Raum zu einer beliebigen Zeit. Für das Erfassen benötige ich eine Begrenzung. Das Bild wird als Ausschnitt begrenzt und erhält durch die Definition von Umgrenzung eine Bedeutung. Auf dieser Bildebene verwendet es seine eigene Sprache, die ich als Betrachtende deute. Ich setze das Bild in einen für mich verständlichen Kontext. Ohne alle Bilder dieser Welt zu kennen, erfasse ich, dass etwas diesem Muster entspricht, wenn mir ein unbekanntes Objekt dieser Art vorgelegt wird. 

Mit dieser simplen Formel zeigt sich schnell, dass Bildung nicht die Ansammlung von Wissen sein kann, denn Wissen allein ist unverwertete Information wie der offene Raum zu einem beliebigen Zeitpunkt. Der Begriff „Bildung“ hat jene Unschärfe, wie sie Wittgenstein bereits in seinem Tractatus Philosophicus beschrieben hat, denn was genau diesen Begriff auszeichnet, definiert jede Institution, jeder Philosoph oder jedes Individuum für sich – zumindest könnte man das meinen. 

Von diesen zu verwertenden Informationen wird eine Summe mit Bedeutung gebildet, damit wird etwas, was vorher unspezifisch vorhanden war, angeordnet bzw. zusammengefasst. Wenn ich wie im Beispiel des Bildes davon ausgehe, dass Wissen nicht beliebig angehäuft wird oder dass Erfahrungen sinnhaft erfolgen, dann muss ich weiter davon ausgehen, dass Bildung von Etwas ebenfalls dem Gesetz des sinnstiftenden Zusammenhangs folgt.

Spreche ich von einem gebildeten Menschen, meine ich nicht ausschließlich einen intelligenten Menschen oder einen wissenden Menschen, sondern einen Menschen, der sich auf eine spezifische Weise anderen Menschen sowie seiner Welt gegenüber verhält. Zumeist ist das eine Ehrbekundung, wenn ein Mensch als gebildet bezeichnet wird. 

Gebildete Menschen sind zugleich bescheiden oder zumindest wenig eitel, so wie Sokrates als gebildeter Mensch weit über seine Lebenszeit hinaus bekannt ist. Er soll einmal gesagt haben, dass er nur wisse, dass er nichts wisse. Ein dummer Mensch würde an der Stelle sagen: „Hä, weiß er jetzt was oder weiß er nichts?“ Ein kluger Mensch schweigt und denkt über diese Aussage nach. Ein gebildeter Mensch hingegen nickt und sagt, dass das der Bedeutung des Begriffs „Halbwissen“ von Adorno wohl am nächsten käme.

Adorno meint, dass Bildung erst dann erfolge, wenn ein Individuum sich selbst bilde und selbst bestimmt, mit welchen Inhalten dies geschehen könne. (Theorie des Halbwissens, Theodor Adorno) Woran ich als Individuum reifen kann, wie ich meine Umwelt begreife, dass entscheide ich als Individuum selbst. In diesem Sinne gibt es nach Ansicht Adornos keinen gebildeten Menschen, da doch jede Bildung scheitern muss, weil sie stets von außen an das Individuum getragen würde, bevor dieses selbst erkennen kann, dass es sich in einem Bereich bilden will?

Bei der Beobachtung von Kindern in den ersten sechs Lebensjahren, also bevor sie in die Schule und damit in die Bildungsanstalten kamen, zeigte mir, dass der Mensch lernen will, weil er seine Umwelt begreifen will. Diese Beobachtung deckt sich mit denen von Montessori und Piaget, die dafür bekannt wurden, weil sie den Lerndrang von Kindern beschrieben. Piagets Definition des Lernens mit diesem Bildungsgedanken zu verknüpfen, ist sicherlich bereits geschehen, denn die Ideale der Bildung hochzuhalten, geht immer einher mit dem Lernen an sich.

Die Anlage zum Lernen muss bereits vorhanden sein, denn der Mensch wird wie kein anderes Tier unfertig geboren und besitzt keine Verteidigungswerkzeuge von Natur aus (Krallen, Schnelligkeit, Hauer, Hörner, etc.). Die Fähigkeit, die der Mensch hat, ist ein Gesellschaftswesen zu sein und von anderen Menschen, die er in der Gruppe immer schon vorfindet, zu lernen. Wir werden in eine bestehende Welt hineingeboren und versuchen diese zu begreifen, Schritt für Schritt. Die Komplexität der Welt bringt es mit sich, dass diese Auseinandersetzung mit der Welt ein nicht-endender Prozess ist. So wie ich nicht anders kann, als all das, was mir begegnet, nach meinem Verständnis zu interpretieren und zu verankern, so kann ich nicht aufhören, Wissen zu sammeln und Zusammenhänge zu ziehen. Doch scheinbar gibt es dennoch etwas, was wir dann als Unbildung oder Missbildung im Gegensatz zur Bildung verstehen. 

Nicht jeden Menschen eines bestimmten Alters bezeichnen wir als gebildeten Menschen, obwohl doch alle alten Menschen viel gesehen und erlebt haben. Es gibt Menschen, die sind wissenshungrig, gehen Risiken ein und setzen sich auf  besondere Weise mit ihrer Welt auseinander. Mit einem Bild von Rainer Schröder aus seinem Roman Das Geheimnis des Kartenmachers gesprochen: Die meisten Menschen sind Maulwürfe, manche Adler.

Auch wenn man wie Peter Bieri in Wie wäre es, gebildet zu sein? die verschiedenen Facetten von Bildung skizziert, so bleibt bestehen, dass diesen Begriff eine Unschärfe umgibt, der sich erst je nach Kontext und Gebrauch konturiert. Doch genau durch diese vielfältige Verwendung bleibt dieser Begriff in sich unspezifisch genug, dass er sich wie ein Chamäleon anpasst. Unschärfe gehört zu seinem Fachgebiet.

Geschlechterkampf ist Teil unserer Kultur. Wann sind Frauen gleichberechtigt? Und zu was?

Seit ich damals den Roman „Report der Magd“ von Magret Atwood gelesen und auch die Serie aktuell verfolgt habe, drängt sich einmal mehr wieder die Frage auf, was passiert mit uns Frauen, wenn alles wieder auf Null gesetzt wird?!

Dystopie an die Frau – Report der Magd

Diese Geschichte beginnt damit, dass ganz harmlos alle Konten der Frauen eingefroren werden, dass sie ihre Geld für ihre Arbeit über ihren Mann oder ihren Vater ausgezahlt bekommen. Der zweite Schritt ist die berufliche Freisetzung der Frauen. Wie kocht man einen Frosch? Man setzt ihn ins Wasser und erhitzt langsam das Wasser, er merkt überhaupt nicht, wenn es zu spät ist. Und so perplex reagieren die Frauen auch. Missverständnis! Das kommt alles wieder in Ordnung. Wie sagt Hermine zu Harry im 5. Teil von „Harry Potter“: „Guck mal, die Sache ist ganz einfach …“ Harry unterbricht sie: „Hier ist gar nichts einfach, Hermine.“ Die Story setzt also in unser aufgeklärten Zeit ein. Frauen arbeiten in allen Berufen, verbinden Beruf und Kinderwunsch (mehr oder weniger gut) und leben in offenen Verbindungen mit Männern. Wie ein böser Traum (von ein paar faschistischen radikalen Christen) bricht die Veränderung über Nacht herein und entmündigt die Frauen und damit beendet sie den Wimpernschlag des feministischen Aufbegehrens gegen die jahrtausendalte Unterdrückung der Frau. Sherlock muss erst Watson in der „Braut des Grauens“ erklären, dass die eine Hälfte der Menschen die andere Hälfte der Menschen unterdrückt und versklavt und dass er damit die Frauen meint, die gegen Männer Krieg führen sollten. Wenn wir ganz ganz ehrlich sind, dann leben wir immer noch sehr ungleich! Männer arbeiten und haben abends eine Familie, Frauen haben Beruf und Kinder zu vereinen, kümmern sich um die Betreuung, huschen zwischen Arbeit und Kind hin und her. O-Ton Ex: „Du wolltest doch die Kinder!“ Männer wollen in der Regel ja keine Kinder, sie wollen nur Sex. Wenn wir noch ein bisschen ehrlicher sind, dann ist die Kleinfamilienregelung für die Frau ein 12-Jahre-K.O.-Vertag: Wohnung in Ordnung halten, Kind versorgen (oft mit schlechtem Gewissen) und Beruf. Bitte noch mit Karriere.

Harari – historischer Hintergrund

Yuval Noah Harari legt in seiner „kurzen Geschichte der Menschheit“ die These nahe, dass es zu unserem genetischen Konzept gehört, als Frau unterdrückt zu werden. Er behauptet, dass so einhellig und durchgängig in allen Gesellschaften und Kulturen unterschiedlichste Epochen Frauen eben zweitrangig behandelt wurden, dass scheinbar ein Konzept dahinter steckt. Das Patriachat sei ein sehr beständiges Konzept und die derzeitige Gleichberechtigung eine Ausnahmeerscheinung. Ich befürchte, dass er Recht hat. Aber wieso ist das so? Und daraus resultiert die nächste Frage: Wie lässt sich das verhindern? Mal davon abgesehen, dass heutige junge Frauen die Feministinnen als Emanzen verschreien, weiterhin viel mehr Wert auf ihr Styling legen, als darauf, ihre Rechte zu erhalten. Vom Balzverhalten her scheint es so, als müssten die Weibchen des Homosapiens das tun, was gemeinhin dem Männchen unterstellt wird, nämlich die BALZ übernehmen. Frau wirft sich in Schale, tut alles, um attaktiv zu sein. Natürlich für sich. Was aber völliger Quatsch ist. Sie will schöner sein als ihre Konkurrentinnen. Bestes Kleid, beste Maniküre, beste Schuhe, beste Manieren. Männer machen sich nur im Notfall Gedanken, ob sie gut ankommen, stellen das aber offensichtlich nicht so in Frage wie Frauen. Frauen beschäftigt eine Frage wie: Ob er meine Bessenreißer bemerkt hat, oder meine neue Frisur oder mein neues Make-up ode mein neues Deo? Männer beschäftigt das sicher wenige. Mir hat noch nie ein Mann gesagt, dass ich zu schlecht rassiert sei unter den Achseln. Frauen allerdings fanden das sehr notwendig, mich als Stinktier zu bezeichnen, weil meine Achselhaare zu lange waren. (Der Kontex Haarlänge gleich Gestank ist mi übrigens noch immer ein Rätsel.)

Außerdem sind Männer vor allem bequem und warten scheinbar lieber, während Frauen irgendwie auffällig aktiver sind. Das führt dazu, dass auch beim Flirten das Weibchen den dominaten oder aktiven Teil einnimmt. Dass der Geschlechterdisput nicht auf die unterschiedlichen Geschlechtsorgane ganz biologisch zu reduzieren ist, erklärt Harari auch. Die Natur von Mann und Frau ist nicht so unterschiedlich. Da brauch ich auch nicht weit nachdenken, schon unsere Sprache – das Hauptwerkzeug unserer Kultur – ist männlich geprägt. Es ist selbstverständlich Änderungen unterworfen, doch wie schwer es ist, eine nicht gewalttätige Sprache zu führen, dazu hat Marshal Rosenberg lang uns häufig unterrichtet und daraus sein Lebenswerk gemacht.

Allerdings will ich glauben, dass es auch mit der Biologie zu tun hat. Als ich meine drei Kinder bekam, merkte ich, wie sehr sich alles in mir nach Schutz ausrichtete und ich Dinge zu akzeptieren begann, die ich in meinem vorherigen Leben nicht toleriert hatte.

Den Mann nervende Weiblichkeit

Beispiel TANGO: Im Tango führt der Mann. Im Tango fordert der Mann die Frauen auf. Im Tango zeigt der Mann Profil in jeder Hinsicht. Real besehen tanzen Männer lieber mit den Frauen, die sie schon kennen (aus dem Tanzkurs, wo die Leitung übernimmt, dass regelmäßig getauscht wird) oder die sie kennengelernt haben. Sie sagen nicht nein, wenn eine Frau sie auffordert, aber es wird nicht so gern gesehen. Frauen sitzen wie auf einer Stange und warten auf die Aufforderung und animieren mit Blicken und Kommentaren, versuchen das Eis zu brechen. Das ist nur ein Symbol dafür, was überall sonst auch passiert. Im Swingerclub warten Männer vor den Räumen, ob eine Frau reingeht, aber sie flirten nicht und sie werden nicht aktiv.

Zwei Vermutungen legt das nahe: 1. Männer waren noch nie der Teil, der sich um die Balz kümmern mussten, weil sie wählen konnten. 2. Das entspricht unserem Zeitgeist, dass die Männer eher passiv sind. Früher war das anders.

Ich denke, dass die erste Annahme vernünftig ist, da sich Männer im Zweifelsfall mit Gewalt nehmen konnten, was sie wollten, ohne das es zu Problemen führte bzw. in vielen Teilen der Erde führt. Außerdem sind die Rituale, die wir historisch überlebt haben (Taschentuchaufheben, Verlobungszeit, Werbephase, Achtung vor den Eltern, Mitgift), sicherlich eingeführt worden, weil Männer eben eher passiv sind. Mich erinnert das an eine meiner Lieblingsserien, nämlich an „Outlander“.

Outlander ist eine US-amerikanische Science-Fiction-Fantasy-Fernsehserie von Ronald D. Moore. Sie basiert auf der im Original gleichnamigen Romanserie von Diana Gabaldon. Die Serie startete in den USA am 9. Wikipedia

Jamie Fraser – der Hauptcharakter –  ist ein ganz ungewöhnlicher Mann, weil er eben für seine Frau einsteht und um sie kämpft. Er begreift das als selbstverständlich. Auch ihre Ehre wieder herzustellen, ist für ihn selbstverständlich. Insgesamt ist er der Inbegriff dessen, was sich eine Frau an ihrer Seite wünscht. Nicht optisch, nichts unbedingt als dieser Mann, sondern eher die Art und Weise, sein Vorgehen, seine Selbstverständlichkeit, seine Eindeutigkeit und seine Akzeptanz. Ich bin immer wieder beeindruckt und denke, gibt es solche Männer in der Realität?! Ich weiß natürlich, dass diese fiktive Figur eine Phantasie einer Frau ist. Konventionen der gegengeschlechtlichen Annäherung fehlen auf jeden Fall. Gleichzeitig ist die Frau in der Lage, dieses Defizit auszugleichen und hat die Balz übernommen. Die Kleidung zeigt das. Dennoch ist die Frau nicht befreit, der Mann auch nicht.

Wenn nun wir mal diskriminieren?

In sozialen Medien wie Twitter lässt sich verfolgen, dass das Thema Gleichbehandlung oder Gleichberechtigung nicht erreicht ist. Manche Frauen müssen sehr hartnäckig verteidigen, dass Männer noch immer gewalttätig sind, dass noch immer nicht die gleichen Rechte für Mann und Frau gelten, dass immer noch nicht beide Geschlechter gleich behandelt werden. Meinen Unterricht – Philosophie sei dank – nutze ich gerne für Experimente. Es gibt Jungen, die würden vermutlich ohne Zögern erklären, dass ich männerfeindlich bin. Bin ich sicher nicht, denn ich mag Männer, meistens. Doch wenn ich in der Presse oder bei Twitter lese, was Frauen passiert, was sie erleben mit Männern, dann erinnert mich das an eigene Erfahrungen, an unschöne Begegnungen mit Männern. Umgekehrt hab ich davon noch nie Männer sprechen hören.

Mein Unterrichtexperiment: Ich erkläre den Jungen, dass Männer aufgrund ihrer Hirnaktivität eigentlich nicht so erfolgreich sind wie Frauen, weil die nun mal ein größeres Hirn haben und sowieso viel sozialer ausgerichtet sind. Ich lass das wie eine Pointe am Anfang klingen, sage den Mädchen, dass sie einfach nachsichtiger sein sollten. Die Jungs lachen in der Regel tatsächlich über diesen Witz. Ich frage sie, wieso sie das nicht als Diskriminierung wahrnehmen?! Meistens bleiben sie auf der Sacheebene, nämlich dass dafür die wissenschaftliche Forschung fehle. Ich konfrontiere sie damit, dass ich sie gerade diskriminiert habe. Reaktion: Sie empfinden das nicht als Diskriminierung. Meine Vermutung: Wir Frauen sind diskriminierungsempfindlicher als Männer, weil wir eine Historie der Unterdrückung und der Gewalt in unserem Bewußtsein veranktert haben. Sklavenmoral á la Nietzsche. Sprich: Der Sklave nimmt sein Sklave-Sein an und verhält sich sklavisch, wodurch der Herr sich als über ihn stehend erlebt und darin bestätigt fühlt. Der Kreislauf erhält sich selbst. Der Sklave ist dem Herrn dankbar, wenn er ihn in die Freiheit entlässt. Real gab es nie diesen Unterschied, es war immer eine kulturell entwickelte Trennlinie. Übersetzung: Wenn der Mann uns als gleichberechtigt akzeptiert, sind wir ihm für diese Handlung dankbar. Er selbst erfreut sich daran, dass er so nett ist. Damit wird die Ungleichbehandlung eigentlich bestätigt.

Wieder Beispiel Tango: Grundsätzlich geht es beim Tango darum, dass der Mann die Frau führt, er mit seiner Führung deutlich macht, was Frau zu tun hat. Sollte die FOLGENDE den FÜHRENDEN nicht verstehen, funktioniert an der Stelle das Zusammenspiel von beiden Akteuren nicht. Anders als bei anderen Tanzformen lernt man beim Tango mögliche Muster und mögliche Reaktionen, nicht ganze Schrittfolgen auswendig. Anders als bei anderen Tänzen wechseln die Tanzpartner häufig und viel. Frauen neigen bei Tanzveranstaltungen eher dazu, sich zu entschuldigen, wenn sie den Mann nicht richtig verstanden haben. Anfangs versuchen sie irgendwas zu tanzen, damit sie dem anderen das Gefühl geben, ihn verstanden zu haben. Damit überspielen sie die eigene Unsicherheit und auch die Pause beim Tanz, falls unklar, ist was nun der nächste Schritt ist. Zwei Muster sind bei Frauen besonders deutlich: Angst, dass Falsche zu machen und dem Mann entgegenkommen zu wollen. Beides bedient das obige Muster, dass der Mann richtig ist und die Frau falsch. Ich habe aufgehört, mich für Missverständnisse zu entschuldigen und höre nun häufiger, dass der Mann meint, er habe falsch geführt. Außerdem bleibe ich stehen, wenn ich nicht verstehe, was der andere will. Und siehe da, der Mann bewegt sich. Fazit: Soll der Mann sein Verhalten verändern, dann muss ich es auch. Er wird aktiv, wenn ich Raum dafür schaffe … Also ist das historisch determiniert oder nicht?!

Wenn Männer aus ihrer Herrenrolle heraus mit uns noch immer „ungleich“ verfahren bzw. kein Bewußtsein dafür haben, wie empfindlich dieses neue Konstrukt ist, was können wir dann jetzt tut, damit es so bleibt bzw. sich in ein freudliches nicht-kriegerisches Milleau hin bewegt? Und da scheint das Problem eben auch bei uns Frauen zu liegen, denn Frauen verhalten sich auch untereinander in ihrer Rolle annehmend. Wie eben beim Tango. Außerdem: Ich lerne Männer kennen, die im Prinzip den gesamten Diskussionen wegen Fraufeindlichkeit oder Diskriminieruung oder Gewalt gegen Frauen sehr ratlos gegenüberstehen und die Diskussion ablehnen. Sie verhalten sich so, wie beim Tango, wenn Frauen sich für ihr Fehlverhalten entschuldigen. Manchmal denke ich, wir Frauen führen die Gespräche gegen Windmühlen, die ebenfalls nur von uns gehört werden. Allerdings sind wir zueinander dabei wenig kooperativ. Ich glaube, dass Männer sich mehr in Ruhe lassen und auch in Ruhe gelassen werden wollen und sie deswegen den ganzen Zauber/Hassel rund um diese Debatte nicht mitführen wollen.

Da ich ja kommende Generationen vorbereite, also auch kommende Frauen in ihren Rollen, muss auch da ein Ansatz her. Und da bin ich unschlüssig, wie man einem Frosch beibringt, dass er doch reagieren muss, wenn man ihn auch nur langsam erhitzen will.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich denke, der Ansatz muss sein, dass wir Frauen uns kooperativer verhalten und aus unser Opferrolle austreten, weniger lamentieren, weniger diskutieren und mehr bestimmen, mehr fordern ohne Diskussion. Kurz und knapp.

Wie gut mir das gelingt, hab ich gerade bewiesen … 🙂

Feldhamster – NaturVision Filmfestival in Ludwigsburg

Gleich mit dem Start der Sommerferien NRW eröffnete das Filmfestival NaturVision in Ludwigsburg. Für dieses Festival schnitt und vertonte Sabine Willmann als Produzentin und Regisseurin den Film „Konsum“ bis kurz vor der Premiere beim Open Air Festival. Das Bild oben zeigt zum Beispiel das Gespräch mit der Crew und  Sabine Willmann nach dem Präsentieren ihres Films „Konsum“. Ich bin der Einladung von Sabine gefolgt und habe vier sehr interessante und aufschlussreiche Tage erlebt, als ich sie auf ihrem Weg durch die Festivaltage begleitete. Sabine war nicht nur als Filmemacherin unterwegs und gab Interviews, sie zeigte sich als Fachfrau bei einer Tagung und leitete ein Seminar, weiter übernahm sie organisatorische Aufgaben als ehrenamtliches Mitglied der Festivalveranstalter.

Filme für Schulklassen und mehr

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Doch der Reihe nach:

Mittwoch (18.7) kam ich in Stuttgart an. Dort hat mir Sabine beim Indischen Filmfestival eine Karte hinterlegt, denn sie war sich sicher, dass sie das zum Film pünktlich nicht schaffen würde. Ich war pünktlich da, doch der Film Kuchh Bheege Alfaaz [Rain Soaked Words] (Eröffnungsfilm) von Onir hat mich nicht so sehr begeistert. Vielleicht fehlt mir auch das indische Gen dazu. Die Geschichte war mir zu durchsichtig, zu flach gefilmt und das Poetische ist mir durch die Sprache abhanden gekommen. Nachdem ich mich vor dem Filmende rausgedrückt hatte, kam doch noch Sabine und begrüßte einhundert Hände.

Am Donnerstag holte sie mich bereits um kurz vor 9 Uhr bei ihrer Freundin ab, bei der ich dankenswerterweise übernachten durfte. Auf dem Tagesprogramm standen Filme mit Schulklassen und anschließenden Gesprächen mit dem Regisseur oder einem Schauspieler des Films.

 

Ridoy – Kinderarbeit für Fußballschuhe

Ich habe den Film „Ridoy – Kinderarbeit für Fußballschuhe“ von Irja von Bernstorff mit einem 12-jährigen Jungen gesehen, der in seinem Land Felle gegerbt hat, damit seine Familie überlebt. Dazu haben wir dann mit der Regisseurin via Skype gesprochen.

Außerordentlich interessant war die Frage, was weiter mit dem Jungen geschehen war, als die Lederfabrik schließen musste, denn das verriet der Film nicht. Dieser Film wurde später auch mit einem Preisgeld in der Rubrik „Kinderfilmpreis“ gekürt. Ein Film, der sehr nachdenklich macht – Jugendliche wie Erwachsene.

Einen Film sah ich über Naturhelden, einen über das Erzgebirge, einen über Foodsharing und Unverpackt-Läden und einen über die Alm und Ochsenzucht. Die Gespräche wechselten mit dem Publikum. Sabine war sehr geduldig mit den Schüler*innen und hielt das Gespräch noch lange im Gange, obwohl die Kinder bereits unruhig waren. Ich hätte längst vorher abgebrochen und doch, war ihre Taktik die passendere.

Für die lange langatmige Eröffnung wurden wir mit dem Eröffnungsfilm am Freitag belohnt: Sex, Lies and Butterflies – Wunderwesen Schmetterling von Ann Johnson Prum. Ein so poetischer und schöner Tierfilm ist mir selten vor die Linse gekommen. Ja, ich bin gar kein Doku-Fan; Tierfilme habe ich als Familienfilme mit meiner Mutter in Erinnerung: Die Wüste lebt.

3712 Stimmen wurden am letzten Wochenende beim NaturVision Filmfestival im Central Filmtheater im Wettbewerb um den LKZ-Publikumspreis abgegeben. Den ersten Platz machte die Dokumentation „Sex, Lies and Butterflies – Wunderwesen Schmetterling“ von Ann Johnson Prum.

Amerikanischer Distelfalter (Vanessa virginiensis)

Mit Recht – würde ich sagen, denn der Film fängt nicht nur schöne Bilder ein, sondern erzählt die wundersame Entwicklung und Reise des Distelfalters, wie er von einem blauen Ei zu einem Schmetterling entwickelt und wie er in der Wüste startet, seine Eier ablegt und Richtung Norden aufbricht; wie dann Generation für Generation weiter Richtung Norden wandert, bis die letzte im Spätsommer in den skandinavischen Ländern landet. Und dann verschwindet der Falter? Nein! Die letzte Generation des Sommers fliegt hoch in der Luft zurück in die Sahara, von wo aus die erste Generation gestartet war. Und der Kreislauf wiederholt sich. Faszinierend schöner Film, der keine Minute langweilig ist, denn es wird von allen möglichen Schmetterlingsarten erzählt.

Freitag und Samstag und Sonntag noch mehr Filme – meine Highlights

Der Film „Wunder von Mals“ von Alexander Schiebel erzählt von einer kleinen Stadt, die sich nachdrücklich und unaufhaltsam gegen Apfelplantagenkonzerne und ihre Pestizide gegen die Insekten wehren, weil sie sich vergiftet fühlen.

Mich beeindruckte die nicht-wertfreie Darstellung und die freundliche Hoffnung der Malser, einem kleinen Städtchen in der Schweiz. Ich merkte, wie ich während des Schauens immer wütender wurde, weil diese Geschichte zeigte, wie die Demokratie von einflussreicher Firmenpolitik mit Dreck beworfen wird – oder mit Gift vergast. Irgendwo tief in mir glaube ich auch an die Demokratielüge, ich will sie glauben. Da fand ich es gerade sehr spannend, dass sich die Malser nicht entmutigen ließen und auch nicht aggressiv wurden, dass ihre Ideen innovativ und juristisch sowie moralisch richtig waren. Ich habe mir den Film angesehen, weil ich wissen wollte, wie man sich denn gegen die finanzielle Übermacht wehren kann. Wie kann das gelingen!?

Zum Filmischen kann ich sagen, dass ich hier gerade die Frauenpower mochte, ebenso das episodische Erzählen, und die Verquickung, die sich erst durch das Gesamtbild ergab. Es bleiben am Schluss Fragen offen, wie die Prozesse seitens der Großkonzerne ausgehen, wie es dem Bioapfelbauer nach der versauten Ernte ergeht und ob sie letztlich den Kampf gewinnen. Durch das Nachgespräch klärte sich die Fragen dann noch. Der Regisseur räumte auch ein, dass er letztlich parteiisch gedreht habe, dass er die Antworten der Goßkonzerne und Landespolitiker nicht abgefragt habe, weil er auch eine Haltung habe. Diese Haltung habe er mit dem Film gezeigt. Wer weitere Infos dazu sehen will: http://wundervonmals.com/ Hier findet ihr auch Hintergrundinformationen und viele kleine Videoclips.

copyright by http://www.systemerror-film.de/#galerie (freier Download)

Manche Filme – nicht nur Spielfilme – gehen mir nahe, weil ich doch sehr nah am Wasser gebaut bin. Dazu gehört der Film „system error“ von Florian Opitz. Der Spiegel erklärt zu dem Film:

Antikapitalismus-Film „System Error“ Besuch bei den Wachstumsjüngern

Vom argentinischen Sojabauern bis zum Trump-Berater: Manager und Politiker setzen auf ewiges Wirtschaftswachstum. Der Dokumentarfilm „System Error“ erforscht ihren Glauben, ganz erklären kann er ihn nicht.

Dieser Film machte mir körperlich Schmerzen, als ich sah, wie die Rinder in Amazonas gehalten werden, manchmal sind Bilder schlimmer als die Phantasie es vermag. Nicht, dass ich das nicht irgendwie weiß, wenn ich darüber nachdenke, doch manche Dinge haben kein Bild, wenn es ein abstrakter Begriff ist, und wenn sich dann die Bilder aufdrängen – was ja beim Film sozusagen symptomatisch ist -, dann werde ich sie nicht mehr los. Als ich diesen Film sah, mit Tränen in den Augen dachte ich, dass damit auch meine Schüler*innen erkennen, dass es keine heile Welt in der Finanzwirtschaft geben kann, dass das Geld sich nicht selbst vermehrt und dass sicher nicht alle reich sein können. Diesen Kontext konnte und musste der Zuschauer selbst erschließen. So geschickt waren die Bilder und die Marx-Zitate verwoben worden.

Im Gespräch erklärte Florian Opitz, weshalb er sich entschieden hatte, den Film so abzudrehen, obwohl keine Frau in seinem Film zu sehen ist. Auf der NaturVision wurde immer wieder deutlich, dass sich Regisseur*innen ständig auch mit der Gender-Frage, der Quotenregelung und mit dem Bild der Frau auseinandersetzen müssen. In diesem Film habe sich keine Frau vor der Kamera darstellen wollen, zumal es ohnehin in diesen Segmenten wenige Frauen gäbe.

Außer Filme?

Neben den Filmen gab es noch viel mehr Programm: Markt von Übermorgen; Science Slam; Workshop zum Thema „Nachhaltigkeit beim Dreh“; Preisverleihung, Get together, etc.

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Der Science Slam am Freitagabend war sehr beeindruckend. Fünf unterschiedliche Wissen-schaftler traten gegenein-ander an, darunter eine Frau – wo schon so viel wert auf Gender gelegt wurde. Wissen witzig und unter-haltsam zu verpacken war nicht so leicht, wie es sich anhörte. Wir hörten vom Schlaf der Schnecken (die letztlich gewannen), von einer alten Liebe zum Auto und dem Recycling-Konzept, von Fischen, die so tun, als wollten sie eine ganz andere Fischdame für sich gewinnen und zwei weiteren Inhalten, die ich vergessen habe. Wie erstaundlich, dass eine war so lehrerlike aufgezogen, dass ich gedacht habe, dass ich mir das für immer merken müsste.

 

5. NaturVision Science Slam

Freitag, 20. Juli 2018, 19 Uhr

Albrecht Vorster von der Uni Tübingen ist der Sieger des 5. NaturVision Science Slams. Er erforscht an Schnecken den Einfluss des Schlafes auf Lernverhalten und Gedächtnis. Und am Ende des Abends war allen klar, welchen Hintergrund Omas Schlafprobleme haben. Wir gratulieren Albrecht und danken allen Slamern für den grandios witzigen und lehrreichen Abend, Philipp Schroegel für seine tolle Moderation und dem Institut Dr. Lörcher für die Unterstützung des Slams.

Schließlich wäre noch das Get together zu erwähnen. Ich sass zusammen mit Sigrid aus Münster, die ich auf anhieb sympathisch fand, und dem großen Wolfsfreund Andreas Hoppe, den irgendwie alle aus irgendwelchen Tatorten kennen – nur ich nicht. Sehr angenehmer Mensch mit diesem winzigen Hund, den er bei sich hatte.

Am Ende bei der Preisverleihung wurden viele Filme gekürt, die ich dann nicht gesehen hatte. Der kurze Einblick nach der Verleihung rührte mein Bedauern dabei häufig an. Allerdings bin ich froh, dass ich „das System Milch“ von Andreas Pichler nicht zufällig als Film erwischt hatte, schon der Ausschnitt verleitete mich dazu, einmal mehr meinen Milchkonsum in Zweifel zu ziehen.

Ausblick 2019

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Brunnen in Stuttgart

Nächstes Jahr fällt der Start des Festivals noch in unsere letzte Schulwoche vor den großen Ferien.

Termin für das NaturVision Filmfestival 2019

Das nächste NaturVision Filmfestival findet vom 11. bis 14. Juli 2019 im Central Filmtheater Ludwigsburg statt. Die Einreichfrist für den Internationalen Wettbewerb wird der 25. Februar 2019 sein.

Dennoch hab ich mir schon gedacht, dass ich gerne wieder hinfahre. Allerdinds wird Sabine nicht dasein, sie wandert mit ihrem Mann in Amerika herum. Schade.

 

Danke dir, liebe Sabine! Hab so viel hinter die Kulissen geschaut, bin mit etlichen Menschen in Kontakt gekommen und durfte ganz der Laie bei allem dabei sein. Es war so spannend und aufregend und umfassend für mich, vielen DANK.

„Betucht sein“ ist mehr als Stoff(e) tragen – Kostüme bauen auf der KAST

Nähte sind an Kleidung, weil die Stoffstücke irgendwo verbunden werden müssen, oder?

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Es gibt nicht so vieles, was mich nachhaltig so beeindruckt, dass es tatsächlich meinen Horizont für den alltäglichen Gebrauch erweitert. Dieser Workshop hat diese Kraft. Wenn ich heute eine Hose anprobiere oder ein Shirt oder einen Rock, dann schau ich mir die Nähte an, betrachte den Sitz der Abnäher, achte auf meine Schulter, auf den Stoffwurf, die Falten – sowohl die absichtlichen als auch die unbeabsichtigten – und entscheide heute völlig neu, ob ich dieses Kleidungsstück mit nach Hause nehme.

Als ich bei Michael M. meinen Kostümkurs antrat, wußte ich nicht, was mich letztlich erwartet, allerdings hatte ich die Erwartung, dass ich das Erlernte im Unterricht anwenden kann. Das kann ich – und mehr. Am Ende ging es nicht nur um Kostüme, es ging darum, Kleidung zu verstehen. „Betucht sein“ ist eben mehr als Stoff(e) tragen.

Mit den Kostümen schlüpft man eben in eine andere Haut, eine andere Zeit und in in all das, was damit zusammenhängt. Kleidung, das will Status, Kultur und Know-How vereinen. Was tun, wenn man keine Nähmaschine hat oder eine Nadel?

Wir haben:

  • Knöpfe
  • Reißverschlüße
  • Klebe
  • Nähmaschinen
  • Nylonfäden
  • biegsames und leichtes Plastik
  • und dann noch die wissenschaftlichen Erkenntnisse

Eine Woche intensiver Workshop:

Baustein 1: Aus einem engen Abnehmen des Oberkörpers lässt sich eine Menge machen hinsichtlich Panzer, Rüstung, fester Korpus, Anziehpuppe, etc. Ein bisschen Tesa … nein eine Rolle Tesa und schon hat man einen abgezeichneten Oberkörper aus Plastik oder Papier.

Baustein 2: Mit einem Plastiktütenkostüm haben wir erarbeitet, dass Kostüme eine Linie haben sollten. Das habe ich in meinem derzeitigen Theaterkostüm übernommen, indem alle als Basis den Maleranzug hatten, davon abstrahierte ich dann zwei Gruppen, die ich entsprechend unterschiedlich ausstaffierte. Wir hatten wenig Zeit und hatten strenge Vorgaben. Die Ergebnisse waren verblüffend.

Baustein 3: Ein Kasten Nesselstoff für ein angepasstes Schnittmuster vom Oberkörper. Wohin gehören die Abnäher? Wie rechne ich dann alles um? Wohin kommen die ordentlichen und begradigten Abnäher? Wie stecke ich das ab? Wie fertigt man vom Stoff dann Papiervorlagen für ein Etuikleid (z.B.) an?

Baustein 4: Einen Klassensatz Kostüme mit sehr engen Vorgaben führt zu einem einheitlichen Kostümbild mit hoher Wirkung. Wahnsinnige Produktivität auf allen Seiten mit viel Erfindergeist. Ganz nach dem Sinne: Hindernisse machen kreativ.

Baustein 5: Keine Zeit, lang zu diskutieren. Aus allen Materialien in kurzer Zeit etwas Geknotetes schaffen. In Schichten auch noch an die Zeit denken, aus der das Kostüm als sein Rest stammen sollte. Auch spannend. Es passte irgendwie zusammen.

 

KAST-Forum – eine Woche „KAST“ für alle

Das Programm ist raus und nun geht’s los. Das Programm … das Programm … Jeeppiiieee.

 

KAST?

Was ist das denn?

Also die KAST ist vor allem zunächst ein VEREIN von Theaterverrückten Menschen aus ganz Deutschland. Der Verein besteht seit mehr als 60 Jahren und organisiert ein Mal im Jahr ein Forumstreffen an verschiedenen Standorten in Deutschland, bei dem sich die Teilnehmer*innen zu unterschiedlichen Themenfeldern und Theaterbereichen weiterbilden können:

Bühnenkampf … Theater mit Jugendlichen … Improvisationstheater … Kabarett … Clownerie … Erzählen … Theatermachen … Regie … Sprechtechnik … Theater mit Kindern … Frauentheater … Bewegungstheater … Figurentheater … Pantomime … Tanztheater … Schminken … Zirkus … Straßentheater … Spiel mit Masken … Schwarzlichttheater … Percussion … und noch mehr

Dieses Forum ist dann für alle Interessierten offen, das heißt, man kann sich für die Workshopwoche mit Vollpension anmelden. Da es jedoch viel mehr ist als nur so eine Fortbildungswoche, hole ich hier ein bisschen aus.

FORUM – kreative Arbeitskreise für Spiel und Theater

  • für Menschen von 7 bis 97 Jahren
  • für Menschen unter 7 Jahren: qualifiziertes Angebot der Kinderbetreuung
  • einmal im Jahr, in der Woche nach Ostern

Das FORUM – intensiv und kreativ!
Für alle, die im Bereich der Kultur, Jugend-, Bildungs- und Sozialarbeit tätig sind oder allgemein Interesse an Theaterarbeit haben und neue Impulse suchen, veranstaltet die KAST jährlich die Theater-Werkwoche „FORUM“.

FORUM 2018
vom 3. – 8. April 2018 in Wiesbaden – Wilhelm-Kempf-Haus

Das Programm Ostern 2018

Dieses Jahr werden (wieder) acht Arbeitskreise angeboten, wobei zwei für Kinder und Jugendliche sind. Manchmal wünschte ich mir, ich wäre noch ein Jugendlicher, denn die Angebote sind oft sehr reizvoll. Im einzelnen bietet das Forum von KAST dieses Jahr:

  1. Chanson und Stimme (Etwas für die Stimme gibt es immer, denn das ist auch was für die ältesten Seminarteilnehmer.)
  2. Commedia dell’Arte (Richtige Theaterarbeit an der Maske: Wie entwerfe/entwickle ich einen Charakter ohne Worte und doch mit Handlung?)
  3. Pantomime (Körpersprache, Körperarbeit. Mit Bewegung gibt es immer was, für alle, die sonst auf dem Stuhl gefesselt sind.)
  4. Kostüme (Der Handwerkskurs, auch solch einen gibt es in jedem Jahr)
  5. Bühnenpräsenz (Arbeit auf der Bühne, Grundlagentraining. Das kann doch eigentlich jeder, oder?)
  6. Stand-up-Comedy (Etwas ganz Kurzweiliges für den Spaßfaktor gibt es eigentlich auch jedes Jahr. Witzig ist ja nicht unbedingt einfach oder flach. Selber Schreiben – das gibt’s auch einmal pro Jahr.)

Das war es für die Erwachsenen – natürlich können auch die Jugendlichen schon mal an dem einen oder anderen Kurs teilnehmen, hängt aber von der Kursleitung ab. Und wenn ihr jetzt denkt, dass ihr doch lieber alle Kurse besuchen wollt, dann geht es euch so wie mir. Bedauerlich ist allein, dass es nur eine Woche dauert.

Die letzten zwei AK’s:

  • AK7 Impro für Jugendliche (ab so ca. 12/13 Jahren)
  • AK8 Für Kinder – Ton ab! Bühne frei. (ab 7 Jahren)

Sechs Tage im Kreativen Feuer

Immer findet das FORUM direkt nach Ostermontag für sechs Tage statt, damit möglichst viele Bundesländer zur gleichen Zeit frei haben. Natürlich wohnen wir im Bildungshaus. Das Interesse ist es, dort die Bildungsstätte unter Alleinherrschaft zu führen, äh … eben allein zu sein. Wir beziehen Zimmer, manche mit und manche ohne Luxus/ Dusche. Es gibt Vollpension: Frühstück, Mittagsbuffet, Kaffee und Kuchen, Abendbuffet. Die Qualtität variiert je nach Gasthaus:

  • Rastatt war von der Essensqualität sehr gut, dafür die Räume nicht ganz so passend für die Seminare, eine gute Bühne und die Umgebung ist stadtnah und natürlich zugleich, also sehr abwechslungsreich
  • Wiesbaden hat gutes Essen, interessante Raumgestaltung, eine schöne Bühne und eine Umgebung im Grünen
  • Altenberg hat billiges Essen, zu spartanische Schlafräume und leider keine wirkliche Bühne, dafür eine herrliche landschaftliche Umgebung.

Wenn es darum ginge, welcher Standort am besten ist, dann würden wir vermutlich Jahr für Jahr nach Wiesbaden oder Rastatt fahren. Das Interesse ist es jedoch, möglichst unterschiedliche Bereiche Deutschlands anzusteuern, damit es mal die einen und mal die anderen nah oder fern haben. Die Bezahlbarkeit muss gewährleistet sein, denn die Preise für die Woche sind seit einigen Jahren konstant (ich kenne nur den aktuellen Preis). Günstig vom Ort her ist Altenberg für uns, doch ich bin bereit, lieber nach Wiesbaden zu fahren. Hattingen wäre auch so ein schöner Ort, lecker Essen und so, doch bislang konnte ich dafür niemanden wirklich begeistern – tatsächlich fehlt eine gute Bühne. Welcher Ort auch immer, wir nehmen Unannehmlichkeiten beim Essen oder bei den Räumen in Kauf, denn letztlich sind wir in erster Linie für das Arbeiten und Spielen und uns Begegnen da.

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Eingangshalle im Wilhelm-Kempf-Haus in Wiesbaden – Drehort unseres Märchens

 

Die sechs Tage verlaufen nach dem gleichen Rhythmus:

  1. Dienstag bis 14 Uhr gemeinsam Kaffee-Kuchen-Zeit. Ab 14 Uhr sitzen wir im großen Stuhlkreis für wichtige Neuigkeiten, erste Instruktionen, Danksagungen und Hinweise. Um 15 Uhr pünktlich starten die AKs. Abends gibt es einen buntes Kennenlernspiel, das eine Theaterspielaufgabe enthält und dazu einlädt, schnell spontan kreativ zu sein. Organisiert wird es durch den Vorstand und durchgeführt wird es jährlich von anderen Leuten. Danach sitzt man gesellig bei Wein und Bier und Chips zusammen, wobei man mit den alten Bekannten und den neuen Gesichtern ins Gespräch kommt. Die Jugendlichen verabschieden sich und spielen Spiele wie Werwölfe.
  2. Mittwoch: Tagsüber finden die obligatorischen Kurszeiten statt. Abends wird eine Theateraufführung oder Performance oder Musikstück von aktuellen oder ehemaligen Forums-Teilnehmern präsentiert. Ein Infoboard berichtet darüber.  Die Jugendlichen sind weiterhin die Jugendlichen.
  3. Donnerstag haben alle ihre Kurse, und entwerfen in der Regel ihr 10-minütiges Bühnenprogramm. Am Abend findet die offene Bühne statt, zu der sich jeder mit eigenen Programmpunkten melden kann. Es werden Auszüge aus eigenen Theaterproduktionen, Sketche, Witze, Gesang, etc. gezeigt. Alles ist möglich. Die Jugendlichen spielen vermutlich wieder Werwölfe.
  4. Freitag  sind alle zu beschäftigt für die Bühne, denn es wird hier noch geprobt, dort noch was einstudiert, zum Schluss noch was getackert oder geklebt. Alle AK’s schleichen sich für Generalproben auf die Bühne, wo zwei Fachmänner für Licht, Ton und Kamera bereitstehen und Feedback geben. Man trifft sich in der Bar und schnackt zusammen – irgendwann gegen 22 Uhr, falls man Ruhe bekommt. Also die Jugendlichen …
  5. Samstag ist der Aufführungstag. Es gibt natürlich noch eine Probenzeit vorher. Es beginnt mit den Kleinen um 16 Uhr. Außenstehende Menschen dürfen eingeladen und verköstigt werden. Das Programm wird vom Abendbuffet unterbrochen. Es läuft bist 22 Uhr. Anschließend verabschieden sich i.d.R. die Gäste, wenn auch sie bleiben dürften. Partyzeit. Es wird gefeiert bis morgens in die Frühe. Übrigens, die Jugendlichen feiern mit.
  6. Sonntag ist der Abschiedstag. Spätes Frühstück, letzte Abschiedsrunde in den Gruppen, kleine Präsente für die Leiter und schließlich der große tränenreiche Abschied um 14 Uhr in der Aula. Und da sind alle pünktlich.

Meine Kinder sehe ich kaum, vielleicht für ein Gelegenheitsküsschen. Ich schreibe ihnen auch nicht vor, wann sie ins Bett müssen. Bleimüde schleichen sie irgendwann gegen 3 Uhr oder so in die Betten. Morgens hüpfen sie raus und sind nachts wieder bis in die Puppen auf. Ich auch. Die Gespräche am Abend, die Arbeit am Tag und alles dazwischen ist einfach dieser Raubbau wert.

Ein Rückblick persönlich

Inzwischen war ich vier Mal mit meinen Kindern beim FORUM und ich habe bislang ausschließlich Gutes zu berichten, sieht man von Unterkunft und Essen im Vergleich ab. Einziger Nachteil: es findet nur einmal im Jahr für 6 Tage statt.

  • AK Stimme und Gesang – das erste Mal dabei 2014 bei Andrea Haupt

Mit der Stimme einen Krimi produzieren, ein Hörspiel. Alle Geräusche wurden mit Stimme oder Körper erzählt: die Kuckucksuhr, dat Mofa, die Waldgeräusche … Hinter einem Vorhang haben wir unser Hörspiel am Samstag abgehalten.

 

 

  • AK Film und Regie – bei Sabine Willmann 2015

Wie viel Film kann man schaffen? Wir haben zwei Filme produziert: einen Lehrfilm über gutes Sprechen und Zuhören; einen Märchenfilm von 8 Minuten Spielzeit, all in mit Storyboard, Drehbuch und Skript. Das war eine sehr stramme Leistung – im Sinne des Wortes. Kurz vor der Vorführung, war der erste Cut überhaupt fertig. Mein Lieblingsmoment: der Stop-Trick.

 

 

  • AK Zeitgenössischer Tanz – bei Bettina Forkel 2016

Ein Mann verloren in einem Frauenspiel. Bettina hat ein umfangreiches Choreografieset im Gepäck und zieht es durch: was Improvisiertes, was Durchgetaktetes, was Erzählerisches. Wir sind richtig beschäftigt und haben Donnerstag einen traumhaften Muskelkater.

 

 

  • AK Bühnenbild – bei Siegfried Albrecht 2017

Klein aber fein: Bühnenmodelle mit Figuren im Maßstab 1:20. Ein Mensch ist acht Köpfe hoch und zwei Köpfe breit – im Idealfall. Das Spiel mit den Farben und dem Licht in der kleinen Modellbühne. Dreidimensionaler Raum, zweidimensionales Bild: ein bisschen Architektur, ein bisschen Kunstgeschichte und dazwischen Patex. Bilder von Treppen, Türen und drehbaren Bühnen entstehen im dreidimensionalen Raum. Mir eröffnete sich eine neue Welt.

 

 

So grundsätzlich verschiedene Sachen habe ich dort gemacht und gelernt, dass jedes Seminar für mich ein Lernzuwachs war – trotz meiner theaterpädagogischen Ausbildung. Selbst das Sprechseminar bei Andrea Haupt, bei dem ich anfangs dachte, dass ich in dem Bereich schon sehr gut ausgebildet sei. Dabei begegne ich jährlich denselben Menschen, Sabine zum Beispiel, oder Birgit und Ulla und Claudia, und ganz neuen fremden Gesichtern. Ein tolles Konzept. Und ich bin wieder dabei!

Begegnungen mit sehr freundlichen Menschen, bereichernde Seminare, kurzweiliges Programm und dazwischen Essen und wenig Schlaf. Ich freue mich schon …

Und was mach ich dieses Jahr? Vermutlich Pantomime oder Commedia dell’Arte oder Kostüme … also eines von den Dreien.